5 Initiativen für Obdachlose, die wir unterstützen sollten

Kürzlich haben wir euch querstadtein vorgestellt, eine Initiative, die für das Schicksal obdachloser Menschen sensibilisieren will. Doch was ist der nächste Schritt? Wie kann Betroffenen geholfen werden?

Die Nächte sind wieder kalt geworden. Für die Einen bedeutet das die Heizung aufzudrehen, den Winterpulli aus dem Schrank zu holen und vielleicht noch ein paar Kerzen anzuzünden, damit's gemütlich wird. Für Andere ist der Winter alles andere als gemütlich. Wohnungslosen steht spätestens ab jetzt die härteste Zeit des Jahres bevor. Die Notunterkünfte sind rar, die Zahl der Betroffenen wächst stetig. Laut Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe waren in Deutschland im Jahr 2016 ca. 860.000 Menschen ohne Wohnung. Zu 2017 wurde ein Zuwachs von ca. 350.000 auf dann ca. 1,2 Millionen prognostiziert. Offizielle Statistiken werden derzeit nicht erhoben - die Begründung: eine akkurate Erhebung nicht-gemeldeter Personen sei ohnehin nicht möglich. Auf eine schriftliche Anfrage des Berliner SPD-Abgeordneten Tino Schopf an den Berliner Senat geht hervor, dass die Einführung einer Wohnungslosenstatistik zwar angestrebt wird, er da aber lieber auf die Initiative des Bundes wartet. Es scheint also, als müsste man sich in Geduld üben.

 

Es wird deutlich - Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu bekämpfen steht auf der politischen Agenda nicht sehr weit oben. Aber zum Glück gibt es eine Reihe zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Betroffenen zu helfen - und das bundesweit.

1. Unsichtbar e.V. mit bundesweiter Telefonhotline

Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Es reicht ein Schicksalsschlag, eine schwere Erkrankung, Mieterhöhung oder Scheidung. Doch was unternimmt man, falls es so weit kommen sollte? Viele sind in der ersten Zeit ratlos und mit dieser ihnen komplett unbekannten Situation gänzlich überfordert. An dieser Stelle möchte Unsichtbar e.V. Abhilfe schaffen. Die gemeinnützige Initiative, gegründet von Holger Brandenburg,  bietet nämlich deutschlandweite Telefonberatung für Betroffene und Angehörige an - diese können dabei ganz anonym bleiben. Die Ehrenamtlichen unterstützen Hilfesuchende, indem sie ihnen Überlebenstipps für die Straße geben oder sie etwa über ihre rechtliche Situation aufklären. Doch fast viel wichtiger ist: Unsichtbar e.V. möchte Wohnungs- und Obdachlosen seine Wertschätzung und Respekt zeigen, indem sich die Berater Zeit für ihre Anrufer nehmen und sie nicht verurteilen.

 

Ihren Sitz hat die Organisation in Gevelsberg, im Ruhrgebiet. Dort, genauer gesagt im Ennepe-Ruhr-Kreis, bietet Unsichtbar e.V. auch sogenannte aktive Hilfe in Form von persönlichen Gesprächen und der Verteilung von Getränken und Kleidung an. Dafür entwickelten sie extra "TOM", kurz für Tasch-O-Mat: Das ist eine aufrollbare Tasche, in der Socken, ein T-Shirt, eine Boxershort, Handcreme und Seife enthalten sind, die aber auch perfekt als Kissen "zweckentfremdet" werden kann. Um mehr TOMs zu produzieren und den Verein auszuweiten, ist Unsichtbar e.V. natürlich auf neue Mitglieder und Spendengelder angewiesen. Wenn ihr das Projekt unterstützen wollt, dann spendet bitte hier.

2. Nahrungsmittel bei den Tafeln und Bahnhofsmissionen

Die Tafeln - eine der wohl bekanntesten wohltätigen Einrichtungen - sammeln Lebensmittel, die sonst auf dem Müll landen würden und verteilen sie an Bedürftige. Träger sind meist kirchliche Verbände, wie die Diakonie und Caritas, aber auch das Rote Kreuz. Dabei sollen sie nicht primär oder gar ausschließlich ein Hilfsangebot für Wohnungslose sein, sondern dienen als Unterstützung prekär Lebender und Hilfebedürftiger aller Art. 1993 in Berlin gegründet, gibt es momentan mehr als 900 Tafeln in ganz Deutschland. Sowohl die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln, als auch die Möglichkeit des sozialen Austauschs kann für Wohnungslose ein überlebenswichtiges Angebot sein. Die nächste Tafel in eurer Nähe könnt ihr hier finden. Infos, wie ihr durch Mitarbeit oder Spenden helfen könnt, gibt's hier.

 

Neben der Tafel gibt es noch die Bahnhofsmissionen, die in allen Bundesländern bis auf Thüringen agieren, ein recht ähnliches Konzept verfolgen und zudem auch kirchlich getragen werden. Zu erkennen sind die Einrichtungen an dem violetten Kreuz im Logo. Die erste Bahnhofsmission wurde ebenfalls in Berlin gegründet, und zwar im Jahr 1894, damals primär mit dem Ziel vor allem Frauen Schutz zu bieten. In den 20er Jahren wurden dort hauptsächlich zurückkehrende Soldaten und Geflüchtete aus dem 1. Weltkrieg versorgt. In den 30ern wurde die Einrichtung von den Nazis verboten, doch ab 1945 organisierten sich die Ehrenamtlichen schnell wieder. Seitdem bot die Bahnhofsmission stetig (mit Ausnahme der DDR, wo sie ebenfalls verboten wurde) eine Zufluchtsstätte für Bedürftige vielerlei Herkunft. Heute nehmen neben armutsgefährdeten Personen, hauptsächlich Obdachlose die Verpflegungs- und Beratungsangebote in Anspruch. Und auch hier gilt wieder: Spenden, spenden, spenden.

3. Die Kältehilfe

Die Kältehilfe wurde aus tragischem Anlass ins Leben gerufen: Im Jahr 1994 starb ein Obdachloser den Kältetod. Um das künftig zu verhindern, organisierte die Berliner Stadtmission den Kältebus, der seitdem im Winter, meist ab Anfang November, nachts von 21-3 Uhr, durch Berlin fährt und Obdachlose, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, einen warmen Unterschlupf zu finden, in Notunterkünfte bringt. Dort gibt es warmes Essen, Hygieneartikel und auch medizinische Betreuung. Auch außerhalb der Hauptstadt gibt es solche Kältehilfen, nur leider noch nicht so flächendeckend, wie die anderen Initiativen. Eine Übersicht samt Telefonnummern ist hier zu finden. Sollte es in eurem Wohnort keine Kältehilfe geben, ist der Notruf unter der 112 sicherlich die beste Alternative. Zu dem Berliner Kältebus gibt es mittlerweile eine dazugehörige App, in der ihr bezirksspezifische Anlaufstellen und weiterführende Infos finden könnt.

4. Beratung, Reintegration und Interessensvertretung: DIE BRÜCKE e.V.

Wohnungssuche, neuer Arbeitsplatz,  vorübergehende Unterbringung in Notunterkünften: Es gilt viel zu bewältigen, wenn Wohnungs- und Obdachlosen langfristig bei einer Reintegration in die Gesellschaft geholfen werden soll. DIE BRÜCKE e.V. tut seit 1995 genau das. Aber sie ist auch Interessensvertretung für Obdachlose in der Politik und öffentlichen Verwaltung, betreibt außerdem auch Aufklärungsarbeit über die Problematik. Darüber hinaus führt die Organisation die separate Website "homeless-online", auf der eine Übersicht aller Einrichtungen, die primär auf obdachlose Frauen ausgerichtet sind, zu finden ist. Frauen sind zwar seltener von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen, als Männer, leiden aber, wenn sie es sind, häufiger unter psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Das hängt oft mit (sexuellen) Gewalterfahrungen zusammen, die entweder zu den Ursachen des Wohnungsverlusts gehören oder während der Zeit auf der Straße gemacht werden. Außerdem versuchen Frauen eher, ihre Wohnungslosigkeit zu vertuschen und nehmen dementsprechend spät Hilfsangebote wahr. Hier könnt ihr der Brücke helfen.

5. Arztpraxen für Obdachlose

Das Thema medizinische Versorgung ist bei Wohnungslosen oft ein sehr akutes. Zynischerweise verfügen Menschen ohne gemeldeten Wohnsitz oder Personalausweis auch über keine Krankenversicherung. Viele Arztpraxen bieten deshalb eine kostenlose medizinische Grundversorgung für Obdachlose an.  Da gibt es in Berlin beispielsweise die Arztpraxis der Jenny De La Torre Stiftung, oder die unter dem Namen "Obdachlosenpraxis am Ostbahnhof" bekannte Einrichtung. In Hamburg befindet sich auch eine Praxis, sowie ein rollendes Zahnmobil, gestiftet von der Caritas. Auch die Münchener Straßenambulanz, oder die Elisabeth-Straßenambulanz Frankfurt sind weitere Beispiele, wo Menschen ohne Krankenversicherung ärztliche - oft lebenswichtige - Hilfe in Anspruch nehmen können.

 

Zur Autorin:

 

Maria Kotsev ist Bloggerin und freie Autorin. Neben ihres Sozialwissenschaftsstudiums an der Humboldt-Universität schreibt sie für ihren Blog post-ironisch und das Stadtleben im Tagesspiegel Checkpoint.