Die Unberührten

Manche Menschen bleiben merkwürdig teilnahmslos, wenn die offene Gesellschaft in Gefahr gerät – beobachtet die Aktivistin und Projektmanagerin Paulina Fröhlich (Das Progressive Zentrum). Warum ist das so? Und wie lässt sich das ändern?

 

2017 hieß es immer wieder: Haltung zeigen! Farbe bekennen! Gesicht zeigen! Bürgerinnen und Bürger forderten sich gegenseitig auf, für gesellschaftliche Errungenschaften wie das Grundgesetz aufzustehen und einzutreten. Das bedeutete nicht zuletzt auch, es vor der Infragestellung der neuen Rechten zu verteidigen.

 

Ich folgte dem Ruf und rief ebenso auf, in Aktion zu treten. In der Zeit von Herbst 2016 bis Herbst 2017 – dem Jahr meines aktivistischen Erwachens, tourte ich mit großer Überzeugung durch ganz Deutschland und hörte zu, diskutierte, demonstrierte und plakatierte. Doch neben zahlreichen Menschen, die ich bewegen konnte, sich aktiv für Pluralismus und gegen  Rechtspopulismus einzusetzen, begegnete ich auch Personen, die ich heimlich „die Unberührten“ nannte. Die Unberührten verstand ich nicht. Ich konnte sie nicht knacken. Sie begriffen die Dringlichkeit, sie verstanden die Gefahr, sie beobachteten die Entwicklungen und dennoch: sie fühlten nichts. Sie fühlten sich nicht verantwortlich oder betroffen, es gelang ihnen nicht das Verständnis der Theorie in eine für sie geltende Praxis umzusetzen.

 

Dabei waren viele Unberührte und ich uns einig: Nicht alle Bürgerinnen und Bürger müssen in panischem Zustand – der sterbenden Demokratie ins Auge blickend – ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen und zu Aktivistinnen und Aktivisten werden. Doch eine grundsätzliche Wachsamkeit, eine Positionierung für diese Demokratie, ein Mindestmaß an Engagement, ist in Zeiten wie diesen nicht zu viel verlangt.

 

Und wer das einfordert, merkt: den Unberührten fehlt es nicht etwa an Zeit, Geld oder Bildung, um sich um politische Fragen zu kümmern. Nein, es fehlt die Lust.

Paradoxe Nähe zu den Anderen

Lust, Muße oder Gefühl kann nur da entstehen, wo eine emotionale Verbindung zu dem besteht, was berühren soll. Wenn ich mit den Freiheits- und Menschenrechten im Grundgesetz keine nennenswerten Gefühle verbinde, warum soll ich mich dann motiviert fühlen, dafür Haltung oder Gesicht zu zeigen? Die Frage nach dem Gefühl erscheint mir in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte essentiell.

 

Ehrlich gesagt sind mir mit Blick auf diese emotionale Ebene einige der neuen rechten Aktivistinnen und Aktivisten paradoxerweise näher als die Unberührten, denn auch sie fühlen etwas. Sie setzen sich energisch ein, kämpfen mit Worten in kreativen Kampagnen für ihre politischen Überzeugungen. Ihnen ist nicht einfach egal, was geschieht. Ich will nicht missverstanden werden, politisch könnte mir niemand ferner stehen als die neue Rechte, auch methodisch grenzen wir uns weit voneinander ab, jedoch eint uns der Wille zum Engagement, der Drang, sich in dieser Gesellschaft einzumischen.

Wissen, was Unfreiheit bedeutet

Doch warum fühle ich das so viel stärker als die Unberührten? In Gesprächen mit ihnen – häufig sind es Studierende oder Berufsanfängerinnen und -anfänger in meinem Alter, aus akademischen, gut-verdienenden Haushalten, erkannte ich bei meinen Antworten bald ein Muster. Ich begründe viele meiner Überzeugungen, ob zur Geschlechtergerechtigkeit, zum Minderheitenschutz, zur Presse- oder Religionsfreiheit, mit den Erfahrungen, die ich während eines Auslandsjahres im Alter von 16 Jahren in Kairo, Ägypten, gesammelt habe. Dort habe ich selbst erlebt, was es bedeutet, in einer unfreien Gesellschaft zu leben.

 

Ich verspüre Passion, wenn ich über Armutsbekämpfung spreche, weil ich selbst mehrere Monate in einem Armenviertel in Kairos Randgebiet lebte. Ich kenne die Gefahr, wenn von verhafteten Journalistinnen und Journalisten die Rede ist, denn ich habe gute Bekannte, denen es derzeit in Ägypten so ergeht. Ich weiß, die Befreiung vom traditionellen Rollenbild meiner Generation zu schätzen, denn mir wurden damals Sätze gesagt, wie: ‚Du bist eine Tochter. Du hast keine Fragen zu stellen‘. Ich will behaupten, ich setze mich deshalb mit einer solchen Inbrunst gegen die rechtspopulistische Geisteshaltung der AfD ein, weil ich die mittlerweile als selbstverständlich betrachteten gesellschaftlichen Errungenschaften, die sie in Wort und Tat anzugreifen versuchen, liebe, wie etwas, dessen Abwesenheit man kennt.

 

Die Fragilität und Abwesenheit von Grundwerten am eigenen Leib zu spüren, darf aber nicht die Bedingung dafür sein, energisch für sie einzutreten.

Empathie ermöglichen

Was also tun, um Unberührte zu berühren? Eine Antwort sind für mich frühzeitige Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Hintergründe zu fördern. Gerade diejenigen, die aus geschlossenen Gesellschaften nach Deutschland geflohen sind, können nicht nur aus ihrer Heimat berichten, sie können uns die Offenheit hierzulande neu vor Augen führen und emotional näherbringen.

 

Um eine neue Empathie und Passion zu entwickeln, braucht es Freiräume, Anlässe und Berührungspunkte. Auch deshalb bin ich folgenden Ideen, die zum Teil hart zerrissen wurden, nicht abgeneigt: Zivildienst für alle, organisierter Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern im Osten und Westen, mehr Bürgerbegegnungsreisen von Politikerinnen und Politikern.

 

Der Aufruf „Haltung zeigen!“ ist nach wie vor dringend und wichtig. Doch wünsche ich mir, dass mehr an den Voraussetzungen gearbeitet wird, die es braucht, um eine Haltung und vor allem ein Gefühl für die Demokratie zu entwickeln. Ermöglichen wir den Unberührten eine neue Freundschaft zur offenen Gesellschaft.

Zur Person: Paulina Fröhlich ist Projektmanagerin der Berliner Denkfabrik Progressives Zentrum. Zuvor war sie Pressesprecherin der mitbegründeten Initiative Kleiner Fünf des Vereins Tadel Verpflichtet e.V., für den sie weiterhin ehrenamtlich tätig ist