Digitaler Raum: Demokratie braucht echte Freundschaft

Die Betreiber sozialer Netzwerke geben sich gerne menschenfreundlich. Gegen Hass und Hetze auf den Plattformen kämpft allerdings vor allem eine neue Zivilgesellschaft, beobachtet Philip Husemann, Geschäftsführer der Initiative Offene Gesellschaft. Seine Forderung: ein Inkubator für digitale Demokratie-Projekte.

 

Freundschaft ist das große Versprechen der Medien, die sich sozial nennen. Hier soll es nicht um profanes Vernetzen gehen. Nein, es geht immer gleich um Freundschaft. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns ein Algorithmus Menschen als „Freunde“ vorschlägt, die wir noch nicht mal kennen, so irrwitzig das auch ist.

 

Die Idee dahinter: Techies aus Mountain View coden uns eine neue soziale Infrastruktur, die wir, die neuen Freundinnen und Freunde aus aller Welt, mit Leben, also Inhalten füllen. So soll globale Gemeinschaft entstehen. Community Standards, die Hausregeln der sozialen Medien, organisieren das neue Zusammenleben von einigen Milliarden Menschen. Alles nur Marketingstrategie für die größte Werbeplattform der Welt oder echter Idealismus? Geschenkt. In der Realität ist das freie Spiel der Freundschaften krachend gescheitert. Mit gefährlichen gesellschaftlichen Folgen.

Geschlossene Gruppen vs. offene Gesellschaft

n der global community der großen Plattformen gehen nicht nur Freundschaften zu Bruch, sondern auch viele Basics einer offenen Gesellschaft. Das virale Lügenschleudern vertieft die gesellschaftliche Spaltung, schürt Hass auf Minderheiten von Myanmar bis nach Mecklenburg-Vorpommern. Radikale Gruppierungen organisieren ihre demokratiezersetzenden Hetzkampagnen und schießen in Echtzeit gegen die Freundinnen und Freunde der offenen Gesellschaft, seien es Politikerinnen, Journalisten, engagierte Unternehmerinnen oder engagierte Bürger, die zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe aktiv sind.

 

Sind die sozialen Medien also für immer gekippt, einer „Hölle aus Hass“ gleichend, wie es der Netzaktivist Raul Krauthausen formulierte? Vorbei die Zeiten, in denen Barack Obamas Entwürfe einer offenen Gesellschaft mit Hope und Change viral gingen und soziale Netzwerke – der Arabische Frühling lässt grüßen – nicht Autokraten gegen Demokraten dienten, sondern umgekehrt? Nicht unbedingt.

Aktivismus einer neuen Zivilgesellschaft

Engagierte Demokraten sind natürlich auch im Netz präsent. Dort aber leider viel zu leise, langsam und zersplittert. Mit erfreulichen Ausnahmen: Seit der Trump-Wahl sprießen auch in Deutschland reihenweise Initiativen aus dem Boden, die mit kommunikativer Expertise und strategischer Klarheit digitale Räume demokratisch besetzen: Die Community von „#ichbinhier“ zum Beispiel, fast 50.000 engagierte Netz-Bürgerinnen und -Bürger, formiert sich mittels Daten-Analysen zur demokratischen Gegenrede bei Facebook, wenn zum Beispiel neurechte Scheinriesen sauber orchestriert die Facebook-Kommentare bei SPIEGEL ONLINE mit Lügen und Hass überschwemmen. Sie kämpfen erfolgreich gegen den falschen Eindruck, die gesellschaftliche Mehrheit stünde nicht mehr mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes.

 

Beeindruckend auch das Demokratie-Startup „Diskutier Mit Mir“, eine Art politisches Whatsapp, das den Dialog von politisch gegensätzlich Denkenden möglich macht. Pünktlich zur Europawahl 2019 skalieren die Gründer aus Berlin ihre Idee gen Brüssel, lassen alle Bürgerinnen und Bürger Europas teilhaben und über kontroverse politische Themen diskutieren – statt ihre Meinungen in Echokammern zu brüllen.

 

Diese zwei Projekte stehen stellvertretend für viele weitere, die sich nicht durch ideologische Selbstfindungen und langwierige Links-Rechts-Verortungen ausbremsen lassen, sondern, ausgestattet mit einer guten Portion Pragmatismus und beruflicher Profession, einen neuen, modernen Zweig der Zivilgesellschaft begründen. Anpacken, einfach machen und Grundwerte und Grundrechte bewahren – das treibt diese politischen Neu-Engagierten an.

Mehr digitale Demokratie wagen

Auch die Projekte der Initiative Offene Gesellschaft entfalten dann ihre volle Wirkung, wenn analoge Aktionen wie die Tafeln am Tag der offenen Gesellschaft eine kritische Masse im Netz erreichen und in diesem Austausch community building stattfindet. Anderes Beispiel #unteilbar: Wie viele der 240.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohl im letzten Moment noch auf Facebook, Twitter oder Whatsapp eben digital, von ihren Freunden, für den Gang auf die Straße aktiviert wurden?

 

#unteilbar hat auch gezeigt: Die zivilgesellschaftliche Findungsphase, das Reagieren aus der Defensive, ist abgeschlossen, analog und digital. Es geht in die Offensive. Endlich! Und das kommt sogar in der Wirtschaft an: Unisono fordern die Chefs von Siemens und Telekom Unternehmen auf, mehr Verantwortung für die offene Gesellschaft zu übernehmen. Gut so, denn auch die Wirtschaft als tragende gesellschaftliche Säule ist jetzt gefragt.

 

Eine Bewegung wird nur dann laut, sichtbar und wirksam, wenn sie sich ein stabiles Dach zimmert, das von mehreren Säulen getragen wird. Und dieses Dach braucht einen vereinigenden Leitsatz, ähnlich dem „Aufstand der Anständigen“, der vor knapp zwanzig Jahren eine breite Bewegung gegen Antisemitismus in Gang gesetzt hat. Erst unter einem stabilen Dach entstehen gute Kampagnen, sind Agenda Setting und das Wachstum innovativer Demokratie-Projekte möglich. Das Ziel ist klar: Entwickeln wir mit unserem Bock auf Zukunft und unseren Ideen die offene Gesellschaft weiter, statt uns von antidemokratischen Angstmachern einschüchtern zu lassen.

Ein Inkubator für die offene Gesellschaft

Es braucht neue Investitionen in die Zukunft der liberalen Demokratie. In eine Brutstätte, in der demokratische Ideen und innovative digitale Projekte neu entstehen und weiter wachsen können. In der Startup-Welt gibt es dafür Inkubatoren. Gründer können dort ihre Ideen präsentieren und, wenn sie überzeugen, mit einer ersten Finanzspritze sofort umsetzen.

 

Ein Inkubator der offenen Gesellschaft – die Idee sollte eigentlich aus dem Hause Facebook oder Google stammen. Dort gibt man sich besorgt wegen der antidemokratischen Inhalte, tut aber viel zu wenig dagegen, dass die Feinde der offenen Gesellschaft die mächtigen Plattformen für ihre Zwecke nutzen. Als Förderer von #dafür-Projekten kämen sie auch ihrer großen Mission, als globale Community alle zu verbinden, ein gutes Stück näher. Und dann klappt das vielleicht auch mit dem Versprechen der Freundschaft wieder besser.

Zur Person: Philip Husemann ist seit Ende 2018 Geschäftsführer der Initiative Offene Gesellschaft. Er ist Mitbegründer des Fearless Democracy e.V., der die Zivilgesellschaft im Kampf gegen Hate Speech mit dem Demokratie-Startup HateAid unterstützt.