Essay
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02.05.2019

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Alexander Wragge

Sich nicht zu engagieren ist so 90er

Die gute alte BRD und die Alternativlosigkeit der 2000er Jahre sind Geschichte. Die Demokratie ist unter Druck wie schon lange nicht mehr. Und jetzt?

Die größte Gefahr für die Demokratie sind nicht zu viele Feindinnen und Feinde, sondern zu wenige Freundinnen und Freunde. Mit dieser These, frei nach dem Philosophen Karl Popper, ist unsere Initiative Offene Gesellschaft 2016 gestartet. Der Satz kommt nicht besonders knallig daher, und bleibt für mich doch eine Provokation, die es in sich hat …

Es fängt schon mit dem Ausgangspunkt an. Die Demokratie soll in Gefahr sein. Bis Ende der 2000er Jahre hätte ich das – zumindest mit Blick auf Deutschland und die EU – für puren Alarmismus gehalten. Geht’s nicht eine Nummer kleiner?

Als Kind der 80er Jahre gab’s für mich kaum etwas stabileres, vielleicht auch langweiligeres, als diese Bundesrepublik mit ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Der große Bundesadler, auch „fette Henne“ genannt, der regelmäßig in der Tagesschau über dem Bonner Parlament thronte, war das perfekte Symbol dieser guten alten BRD: silbergrau, satt und zufrieden, über alle radikalen Zweifel und Extremismen des Denkens erhaben. Und Helmut Kohl war so lange Regierungschef dieses Landes gewesen, dass es mich nicht überrascht hätte, seinen Namen im Duden zu entdecken – als Synonym für das Wort „Kanzler“.

Gefahren für die Demokratie – das war was für den Geschichtsunterricht, für die vielen Stunden, die wir mit dem Scheitern der Weimarer Republik oder mit dem Tagebuch der Anne Frank verbrachten. Und so sehr sich unsere Lehrerinnen und Lehrer bemühten, uns vor der Wiederholungsgefahr zu warnen, so blieb das alles vor allem eines: fernes, schwarz-weiß-fotohaftes Gestern. In der Gegenwart der 90er und auch noch der frühen 2000er schienen alle Lehren gezogen und alle Schlachten geschlagen. Der Nationalsozialismus, die DDR-Diktatur, der RAF-Terror – alles Fälle für den History-Channel, für die nächtlichen Doku-Strecken in den Öffentlich-Rechtlichen.

Das Ende des Wohlfühlsystems

Politik bedeutete inzwischen, maximal unideologisch das Land zu managen. Mehr Rente hier, mehr Umweltschutz dort – alles wichtige Fragen, doch das demokratische System selbst surrte so selbstverständlich vor sich hin wie ein VW-Diesel. Systemfragen stellten sich nicht. Und so blieb für viele meiner Bekannten und mich genug Zeit und Muße, uns anderen Dingen zuzuwenden als der „Sachpolitik“, zum Beispiel einer selbstbezogenen und unpolitischen Ironie, dem popkulturellen Zeitgeist der 90er und 2000er Jahre.

Erste Risse bekam dieses Wohlfühl-System mit der Finanz- und Eurokrise ab 2008. Plötzlich trennten sich die Welten. Die einen lebten weiterhin in der Bundesrepublik aus der Tagesschau. Die anderen versanken längst in der Dauer-Apokalypse, die sich in den neuen alternativen Medien im Netz abspielte. Hier stand die Kernschmelze der EU kurz bevor. Hier war die große Enteignung des „deutschen Sparers“ längst im Gange. Hier war Deutschland nicht mal ein Land, sondern eine GmbH, gegängelt durch finstere Mächte …

10 Jahre später ist aus diesen ersten Rissen ein Spalt im Fundament geworden. Wer immer noch meint, die Demokratie in Deutschland und Europa sei nicht in Gefahr, hat den Knall nicht gehört. Der Holocaust – wird wieder kleingeredet. Die Zugehörigkeit von Musliminnen und Muslimen – steht plötzlich zur Debatte. Kritische Medien – sind selbst innerhalb der EU so bedroht, dass ein Mitgliedsland wie Ungarn in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 73 landen kann. Phantasien vom „Entsorgen“ und Fortjagen der Andersdenkenden – werden wieder öffentlich ausfabuliert. Und natürlich ist der ganze völkische Wahn auch wieder da.

Zusammenfassen könnte man die neuen Zeiten, und das sagt schon an sich viel aus, mit einem Thomas-Mann-Zitat von 1943: „Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird.“

Eine neue Blickrichtung

Die eigentliche Provokation der Ausgangsthese ist natürlich eine andere. Sie zwingt dazu, die übliche Blickrichtung zu ändern. Nicht die (neuen) Feindinnen und Feinde sollen die größte Gefahr für die Demokratie sein, sondern ein Mangel an Freundinnen und Freunden, die ihr die Treue halten. Dieser Kniff kann die Sicht auf ’s Zeitgeschehen ziemlich drastisch ändern.

Denn natürlich können wir uns den ganzen Tag mit Demokratiefeindlichkeit befassen. Regelmäßig versinke ich selbst in den Parallel-Welten im Netz, lese mit, wenn hier sogenannte „Volksverräter“ mit Sätzen bedacht werden wie „Früher hätte man sowas an die Wand gestellt und erschossen“, nehme zur Kenntnis, dass so ein Satz unwidersprochen bleibt, ja sogar 30 „Likes“ bekommt, und fange dann an, mir die Nutzer-Profile dahinter anzuschauen, um zu begreifen, wer sowas schreiben und gut finden kann.

Doch so wichtig es ist, diese neue Demokratieverachtung zur ergründen, darf das nicht zur kollektiven und lähmenden Dauerbeschäftigung werden. Wichtiger ist es in der aktuellen Lage, sich den Freundinnen und Freunden einer offenen Gesellschaft zuzuwenden. Denn auf sie kommt es jetzt an. Sie brauchen genau jetzt öffentliche Aufmerksamkeit, Rückhalt und Vernetzung. Denn so trivial es schon mal geklungen hat, die Weimarer Republik ist auch deshalb gescheitert, weil zu wenige Menschen Rück-
grat zeigten, als es galt, sie zu verteidigen.

Teil der Geschichte werden

Und ungeachtet des neuen Autoritarismus macht es – ich kann’s nicht unkitschiger sagen – Spaß, sich auf die Suche nach denen zu machen, die dieses Land positiv gestalten wollen. Nach zwei Jahren Initiative Offene Gesellschaft lässt sich bilanzieren: es gibt sie überall im Land, die Menschen, die sich einsetzen – für den Zusammenhalt, für die Debatte, für die Begegnung, fürs Gemeinwohl. Im Osten. Im Westen. Auf dem Dorf. In der Stadt. Zu erleben gibt's das zum Beispiel am Tag der offenen Gesellschaft, den wir am 15. Juni zum dritten Mal feiern - von Erfurt bis München.

Und das, was die vielen Engagierten vor Ort tun, scheint mir erfüllender als die unpolitische Uneigentlichkeit vergangener Jahrzehnte. Sie gehen raus und machen was, von der Alltagshilfe für Geflüchtete über #Unteilbar und #fridaysforfuture bis zur Ideenwerksstatt für die Nachbarschaft. Sie haben die Zuschauerrolle längst verlassen, und sind selbst Teil dieser täglich neu zu schreibenden Geschichte namens offene Gesellschaft geworden. Oder frei nach dem Rapper Smudo von den Fantastischen Vier ausgedrückt: Sich nicht zu engagieren ist so 90er.

Aufruf: Am 15. Juni ist es wieder so weit: das ganze Land einfach mal raus und feiert Offenheit, Vielfalt und Freiheit. Mit Tischen und Picknicks unter freiem Himmel & gern bis spät in die Nacht. Hier kannst du dein Picknick oder deinen Draußen-Tisch anmelden: www.tdog19.de

Zum Autor
Alexander WraggeAlexander Wragge leitet die Redaktion der Initiative Offene Gesellschaft. Zuvor war er unter anderem als Redakteur des Diskussions-Netzwerks Publixphere tätig.

Hinweis:
Eine ältere Version dieses Textes ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erschien. Weitere Veröffentlichungen findest du hier.

Titelbild: Szene am Rande der #Untereilbar-Demo mit rund 240.000 Teilnehmenden am 13. Oktober in Berlin. Foto: Peter Van Heesen / Initiative Offene Gesellschaft

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