Mein Freund das Land

Deutschland-Fahnen schwenken - darf man das? Unser Mitbegründer Stefan Wegner über einen entspannten Umgang mit deutschen Symbolen, Kulturpatriotismus ... und den ganzen Rest.

2018 erlebte unser Land einen seltsamen Spätsommer. Eine Gesellschaft in der Identitätskrise, die emotional dahin schlingerte wie ein Teenager in der Pubertät. Wer sind wir eigentlich und wenn ja wie viele? Wer ist denn jetzt die Mitte und sind wir die Mehrheit oder die anderen? Und hat die Mehrheit immer Recht? Wenn die anderen besonders deutsch sein wollen, müssen wir es dann besonders wenig sein?

 

Es gab Momente des Optimismus und Momente der Verunsicherung. In Chemnitz setzten 65.000 Menschen ein Zeichen gegen die Neonazis unter der Überschrift #wirsindmehr. Das war großartig. Die Rapper von K. I. Z. riefen dabei ins Publikum: „Keine einzige Deutschlandflagge – ist das schön“. Das war schade. Mich hätte eine Fahne in schwarz-rot-gold nicht gestört. Oder eine Europa-Fahne.

 

Vier Wochen später war eine ähnliche Episode entlang der wunderbaren Großdemonstration #Unteilbarin Berlin zu verfolgen. Statt über die friedliche Stimmung und die bunte Mischung der Teilnehmer zu berichten, krakeelte die BILD über ein vermeintliches Deutschlandfahnenverbot auf der Demo. Und die Veranstalter windeten sich mit der Erklärung, die Fahnen seien „nicht verboten, aber auch nicht erwünscht“ gewesen.

 

Der Kampf um die Deutungshoheit über die deutschen Symbole ist in vollem Gange. Die Grünen-Spitze zog im Sommer unter der Nationalhymnen-Zeile „Des Glückes Unterpfand“ durch’s Land und besuchte das Hermannsdenkmal. Der Bundespräsident nahm die Deutschlandfarben in seiner Rede zum 9. November geradezu in Schutz: „Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold!“. Wenn eine besoffene Besuchergruppe der Jungen Union bei der Berlin-Visite das Westerwald-Lied singt, reicht das heutzutage schon, um damit auf die Seite 1 der großen Boulevardzeitung zu kommen. Ein guter Zeitpunkt, durchzuatmen und sich identitätspolitisch etwas zu entspannen.

Wir waren fast schon cool

Ich denke gerne an das Jahr 2006 zurück. Angela Merkel war gerade ein Jahr im Amt und Deutschland Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Deutschen waren von sich selbst überrumpelt – wir konnten deutsch sein, Fahnen schwingen und uns gleichzeitig friedlich und weltoffen präsentieren. Ich weiß, dass ich in diesem Sommer gelegentlich so etwas wie Stolz empfand – nicht auf die deutsche „Nation“ oder womöglich auf ein „Volk“, sondern auf diese demokratische, fröhliche und bunte Gesellschaft. Wie hatten wir das nur geschafft so zu werden, fast schon „cool“?

 

Ein ähnliches Gefühl packte mich im Herbst 2015 bei den Bildern von Deutschen, die Geflüchtete willkommen hießen und sich ehrenamtlich in einem ungekannten Maße engagierten. Die Deutschlandfahnen wurden dabei zwar häufiger von den Geflüchteten geschwungen als von den hiesigen Helferinnen und Helfern. Aber zweifelsohne war es ein identitätsstiftender Moment für ein Land, das für Menschenrechte und Mitmenschlichkeit einstand.

Haltung oder Spaltung?

Es gibt ganz andere Sichtweisen auf diese Ereignisse. Der Autor Max Czollek („Desintegriert Euch“) beschreibt 2006 als das Jahr, „in dem die Sehnsucht nach nationalen Symbolen, nach Nationalstolz förmlich aus den Leuten herausbrach“ und stellt eine direkte Verbindung zwischen dem Sommermärchen und dem Einzug der AfD in den Bundestag her. Die Willkommenskultur wird inzwischen schon wie selbstverständlich als ein Ereignis diskreditiert, dass am Ende die Schuld am Erstarken der rechtsextremen Kräfte trägt und für deren Naivität man sich fast schämen müsse.

 

Es gestaltet sich offenbar schwierig in der momentanen identitätspolitischen Verwirrung einen gemeinsamen Nenner zu finden, einen emotionalen Kleber für unsere Gesellschaft. Was die einen verbindet, scheint die anderen auszugrenzen. Was die einen als Haltung empfinden, ist für die anderen Spaltung.

 

Also was tun? Zum einen: die Gegensätze tolerieren und diese Toleranz als Stärke sehen. Eine offene Gesellschaft kann Identität daraus schöpfen, beides auszuhalten, den fahnenschwingenden Deutschland-Fan und den Schwarz-Rot-Gold-Allergiker. Zum anderen: mehr Leichtigkeit im Umgang mit diesen bleischweren Symbolen. Lasst uns das Deutschsein national entladen und kulturell neu aufladen, mit allem was uns Menschen in diesem Land heute ausmacht – und was Spaß macht.

 

Einer der wichtigsten identitätspolitischen Beiträge der vergangenen Jahre in diesem Sinne kommt ausgerechnet von Jan Böhmermann und dauert gerade mal 4 Minuten und 38 Sekunden. Sein Video „Be Deutsch“ zeigt wie man sich heute als Deutscher ernst und gleichzeitig nicht ernstnehmen kann. Mit Fahrradhelmen, Birkenstock, Deutschland- und Europa-Fahnen bewaffnet, beschreiben die Protagonisten des Videos eine deutsche Identität, hinter die sich wahrscheinlich große Teile der Deutschen versammeln können.

Entspanntes Brückenbauen

Einen Versuch aus dem konservativen Lager heraus, eine entkrampfte deutsche Identität zu definieren, hat Thea Dorn mit ihrem Buch „Deutsch, nicht dumpf “ gestartet. Man kann über ihren Kulturpatriotismus schmunzeln oder streiten, aber mir gefällt der positive Zugang zu dem Thema – nicht aus- oder abgrenzend, sondern mit dem Bestreben, eine gemeinsame Mitte über geliebte und gelebte Kultur zu definieren.

 

Unsere Initiative versucht einen kleinen Beitrag zu diesem entspannten Brückenbauen zu leisten. Auf der #Unteilbar-Demo waren wir mit Fähnchen in den Deutschland-Farben unterwegs, allerdings nicht in Flaggen- sondern in Herzform. Es war ganz entspannt und überhaupt nicht ausgrenzend.

 

Vielleicht können wir üben, auf unser Land nicht als Heimat oder Nation zu blicken, sondern es einfach als guten Freund zu sehen. Einen Kumpel, den man für seine Eigenheiten liebt und mit dem man nicht immer einer Meinung ist. Aber dem man die Meinung sagen kann. Der einem gelegentlich auf die Nerven geht. Aber mit dem man meistens gerne abhängt, weil er einen genauso akzeptiert, wie man ist.

Zur Person: Stefan Wegner ist Mitbegründer und Vorstandssprecher der Initiative Offene Gesellschaft. Seit 2008 ist Wegner Geschäftsführer von Scholz & Friends Agenda.

 

HinweisDieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erschien. Weitere Vorab-Veröffentlichungen finden Sie hier.

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