Nach dem Shitstorm: Wie Solidarität den Hass bezwang

Philipp Awounou stand mit seiner Freundin Modell für die Werbung einer Krankenkasse – und fand sich inmitten einer rassistischen Hasskampagne wieder. Wenn Awounou heute davon erzählt, dominiert bei ihm überraschenderweise ein gutes Gefühl: Dankbarkeit.
 

Der Hass traf mich unvermittelt. Gedankenversunken saß ich in der Bahn, ein ganz normaler Morgen. Normal, bis auf meinem Smartphone die ersten Kommentare erschienen. „Igitt“. „Pfui Teufel“. „Ekelhaft.“ „Überall Kanaken-Werbung“.

 

Es hörte nicht auf. Ich scrollte und scrollte und scrollte, sah immer neue digitale Sprechblasen über meinen Bildschirm wandern. Immer neue Beleidigungen, Häme, Empörung. All das, weil meine Freundin und ich auf einem Werbeplakat zu sehen waren. Und ich nicht weiß bin.

 

Diese Menge an Kommentaren und Meinungen, irgendwo zwischen blankem Rassismus und Wutbürgertum, ließ mich zweifeln. An meinem Weltbild, meinem Selbstbild. Meinem Deutschland. Was, wenn diese Menschen recht haben? Was, wenn sie nur aussprechen, was viele ohnehin denken? Wenn sie in der Mehrheit sind und ich hier nicht dazugehöre?

Der Hass verzerrte meine Realität.

Rund einen Monat lang setzte ich mich mit Kommentarschreibern auseinander, mit der AfD und rechten Foren, bestrebt, sie zu verstehen. Mit jedem Tag nahm meine Unsicherheit zu. Über manch skeptisch musternden Blick etwa hatte ich mir zuvor kaum Gedanken gemacht. Nun lief der Sorgenapparat auf Hochtouren: Vielleicht hat er ja ein Problem mit mir, mit meiner Herkunft oder Hautfarbe. Vielleicht hält sie mich für kriminell. Vielleicht wünscht sich das Pärchen gegenüber, dass ich nicht hier wäre. Sehen zwar recht nett aus, die beiden. Aber sympathisch wirkte auch das Profilfoto des Typen, der schrieb: „Diesem Drecksgesindel wird alles in den Arsch geschoben.“

 

Die eindrücklichsten Erfahrungen aus dieser Zeit fasste ich in einem Artikel zusammen. Eine Art Selbsttherapie, aber auch ein Versuch, aufmerksam zu machen auf die sprachliche Verrohung im Netz und die immer offener praktizierte Menschenfeindlichkeit. Was der Schritt an die Öffentlichkeit jedoch darüber hinaus bewirken würde, hätte ich nicht für möglich gehalten.

„Sie holten mich in die Wirklichkeit zurück“

Mein Tweet, mit dem ich auf den Text hinwies, erreichte über eine halbe Million Menschen, der Artikel selbst ebenfalls. Einige Medien berichten, ein Beitrag des WDR wurde allein auf Facebook mehr als zwei Millionen Mal angeklickt. Die Geschichte ging viral, und die Reaktionen waren fast ausschließlich: positiv.

 

Tausende Menschen drückten in öffentlichen Kommentaren ihre Solidarität aus, etliche weitere wendeten sich mit direkten Nachrichten an meine Freundin und mich. Im Sekundentakt trudelten neue Worte der Anteilnahme ein: Wir stehen hinter euch! Lasst uns lauter sein! Ihr gehört hier her!

 

Ich war überwältigt: So unvermittelt mich wenige Wochen zuvor der Hass traf, so unvermittelt überschwemmte mich nun die Solidarität unzähliger Menschen. Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher politischer Ausrichtung und ethnischer Herkunft. Jedem von ihnen bin ich dankbar. Sie holten mich zurück in die Wirklichkeit, in ein Deutschland, in dem Vielfalt größtenteils geschätzt und Offenheit von vielen gelebt wird.

 

Wenn ich viele Monate später an das Plakat und seine Folgen zurückdenke, bin ich froh, sagen zu können: Es sind nicht die Hater, die mir als erstes in den Sinn kommen. Es sind die Menschen, deren Solidarität den Hass erschlagen hat.

Zur Person: Philipp Awounou ist in Deutschland geboren und als jüngster Sohn einer deutsch-beninischen Familie in der  Nähe von Karlsruhe aufgewachsen. Er arbeitet als Fotograf, Filmer und Journalist.

 

Hinweis: Dieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31.  Januar erschien. Sehr gerne schicken wir Dir kostenlos ein Exemplar zu – solange der Vorrat reicht. Einfach mit  Postadresse schreiben an: freunde@die-offene-gesellschaft.de.