Offenheit, Mut, Vertrauen - Eine Gebrauchsanweisung der Offenen Gesellschaft

Wie bringt man Menschen für eine offene Gesellschaft zusammen? Wir haben auf unserem Weg einiges gelernt und verstanden. Daraus haben wir einen persönlichen Leitfaden erstellt, der Mut macht und Anleitung gibt für alle, die selbst aktiv werden wollen.

"Wir müssen alle besser darin werden, uns für diese Gesellschaft zu engagieren. Voneinander lernen hilft." - Harald Welzer, Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft

 

Wir werden oft gefragt, wie es innerhalb von nur anderthalb Jahren gelungen ist, etwa 1.000 Veranstaltungen zur offenen Gesellschaft im ganzen Bundesgebiet, in der Schweiz und in Österreich eine Bühne zu bieten. Unser Ziel war und ist  klar: Zeigen wir mit so vielen Menschen wie möglich Gesicht für eine offene, plurale, demokratische Gesellschaft. Dafür müssen wir uns begegnen – überall, von Mensch zu Mensch, im Großen wie im Kleinen. Aber wie?

 

Was wir auf dem Weg gelernt haben und welche unserer Erfahrungen auch Freundinnen und Freunden der Demokratie helfen können, selbst aktiv etwas für unsere offene Gesellschaft zu tun, haben wir hier zusammengestellt.

 

1. Wir sind viele.

 

Die offene Gesellschaft hat viele Freunde. Es gibt eine überwältigend große Zahl von Menschen, die sich aktiv einbringen wollen – in Debatten, in gemeinsame Veranstaltungen, in die Ausrichtung von Tafeln, in Begegnungen, mit dem was sie am besten können usw. Bei uns haben so etwa 40.000 davon mitgemacht, aber es gibt noch viel mehr, im Ehrenamt, in der Flüchtlingshilfe, in den Kommunen, in Freundeskreisen, die sich verantwortlich für unser Land fühlen. Das ist eine unglaubliche Ressource, die weder von den Leitmedien noch von der Politik gesehen wird.

 

2. Einfach machen ist besser als lange planen.

 

Erstmal einfach anfangen statt die ersten Monate in Strategieklausuren, Strukturdiskussionen und Fundraising zu verbringen. Das kann man alles noch machen, wenn die eigene Idee fliegt. Mitstreiter und Geldgeber kann man viel besser mobilisieren, wenn man schon mal selbst vorgelegt hat.

 

3. Reale Begegnungen schaffen statt Netzhysterie.

 

Analoge Veranstaltungen sind gerade in Zeiten wichtig, in denen die sozialen Netzwerke von Dauererregten, Hysterie und Verschwörungstheorien geprägt werden. In realen Begegnungen muss man Meinungen begründen, Argumente durchhalten, ist man mit Gesicht und Namen dabei. Das ist extrem wichtig für eine demokratische Kultur, in der man – auf der Basis gegenseitiger Achtung – miteinander spricht und streitet.

 

4. Jeder Ort kann Ort für Begegnung sein.

 

Es gibt jede Menge natürliche Orte für solche analogen Veranstaltungen und Begegnungen: Kneipen, Sportheime, Freizeitheime, Parks, Volkshochschulen, Theater, Dorfscheunen, Plätze usw. Man kann sie nutzen, um Menschen unkompliziert und ohne großen Aufwand zusammenzubringen.

 

5. Das Netzwerk ist schon da.    

   

In jedem Dorf, in jedem Stadtteil, in jeder großen Organisation gibt es „gatekeeper“, also Menschen, die wissen, wie und wo man Leute zusammenbringt. Wir haben die Zahl von 1.000 Veranstaltungen nur erreichen können, indem wir überall mit den ohnehin aktiven Leuten vor Ort zusammengearbeitet haben: die haben dann Räume, Sprecherinnen, Plakate usw. organisiert und all die großen (bis zu 2.000 Teilnehmerinnen) und kleinen Events durchgeführt. Wir von der Initiative Offene Gesellschaft verstehen uns als Anstifter und „Kuratoren“, stellen Logos und Werbematerial, eine Freundesplattform, Know How und Kontakte zur Verfügung, alles andere wird vor Ort durchgeführt.

 

6. Nicht alles muss neu erfunden werden.

 

Es gibt eine ganze Menge existierender Initiativen, die einfach mehr Öffentlichkeit oder auch eine zweite Chance brauchen. Die Initiative Offene Gesellschaft setzt sich unter anderem dafür ein, dass das schon lang geplante Bürgerforum zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag in dieser Legislaturperiode nun endlich umgesetzt wird. Wann, wenn nicht jetzt, brauchen wir es mehr.

 

7. Debatten sind mehr als nur Talkshows.

 

Debatten dürfen keine talkshows sein, die öden ja schon im Fernsehen zur Genüge. Wir haben großartige Erfahrungen mit town-hall-Debatten gemacht: da geben zwei oder drei oder vier interessante Personen aus der lokalen Szene, aus dem Sport, aus den Medien oder auch aus Vereinen 5-minütige Impulse zum jeweiligen Thema (z.B. „Welches Land wollen wir sein?“), danach diskutieren die Leute im Saal miteinander.

 

8. Es braucht Mut zu gesundem Übermut.

 

Sich einen Termin zu setzen hilft, Kräfte zu fokussieren. So haben wir es mit dem 17. Juni gemacht, den wir kurzerhand zum Tag der offenen Gesellschaft erklärt haben. Was anfangs wie eine verrückte, oder zumindest ambitionierte Idee klang, hat im ersten Anlauf über 20.000 Leute begeistert, um mitzumachen. Jetzt wissen wir, wie’s geht und machen den Tag der offenen Gesellschaft zu einer wachsenden jährlichen Routine.

 

9. Keine Angst vor Andersdenkenden.

 

Haben Sie keine Angst vor Pegidisten, Identitären und Störbereiten. Keine einzige unserer Veranstaltungen musste wegen solcher Leute abgebrochen werden. Immer ist die Mehrheit im Saal in der Lage, sich das kurz anzuhören und dann wieder eigene Themen zu setzen.

 

10. Die Zivilgesellschaft ist stark genug, um die Zukunft zu gestalten.

 

Das ist zugleich die wichtigste Lehre aus allen 1.000 Veranstaltungen: Niemand möchte sich die Themen der Zukunft unserer Demokratie und unseres Landes von den Neurechten vorgeben lassen. Die Bürgerinnen und Bürger haben jede Menge eigene Themen und Expertisen zu den Dingen, die sie beschäftigen: vom knappen Wohnraum über aktive Nachbarschaften, von Bürgerbeteiligung über Energiewende, von maroden Schulen bis hin zur Versorgung im ländlichen und Anderes mehr. Wir müssen alle besser darin werden, uns für diese Gesellschaft zu engagieren. Voneinander lernen hilft.

 

Wie so eine starke Zivilgesellschaft aussehen kann? Wir haben Bilder und Begegnungen aus 365 Tagen Offene Gesellschaft in Texten, Bildern und einem Video dokumentiert. Weiterlesen

 

Titelfoto: Peter van Heesen