„Sonst platze ich“

Susann Ratzer hat genug von der „Kultur des Meckerns“. In Dresden sucht die Psychologin Gleichgesinnte, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen. Warum tut sie das?

 

Susann Ratzer

Uns sprechen viele Menschen an, die etwas für eine offene Gesellschaft tun wollen. Deine Mail hat uns besonders beeindruckt. Du schriebst: „Ich werde platzen, wenn ich zukünftig nicht mehr in Aktion trete.“ Was genau bringt Dich in Rage?

 

Susann Ratzer: Im Privatleben und im Beruf begegne ich seit Jahren immer häufiger Menschen, die diskriminiert werden. Und ich treffe Leute, die andere diskriminieren. Freiheit und Vielfalt werden immer stärker in Frage gestellt. Was mich aber besonders verrückt macht, ist dieses weit verbreitete Gefühl der Ohnmacht gegenüber den politischen Verhältnissen, diese Kultur des folgenlosen Meckerns, die rein gar nichts in der Welt verbessert. Viel zu viele Menschen machen es sich bequem mit so einer passiven Einstellung nach dem Motto ‚Es ändert sich sowieso nichts‘.

 

Angstfrei ins Gespräch

Wie willst Du dieser Haltung begegnen?

 

Susann Ratzer: Für die Demokratie wesentlich ist die Initiative der einzelnen Bürgerinnen und Bürger. Es geht darum, für sich selbst und die Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, sich aktiv zu beteiligen. Unsere demokratischen Freiheiten werden viel zu wenig gewertschätzt und genutzt. Ich war in Ländern, die keine Demokratien sind, meine Eltern und Großeltern lebten in nicht-demokratischen Systemen, und ich möchte niemals in einer Gesellschaft leben, die persönliche Freiheiten einschränkt und die Menschenrechte missachtet.

 

Und so kamst Du auf uns …

 

Susann Ratzer: Eine gute Freundin wusste, dass ich nach Möglichkeiten suche, mich einzubringen. Sie gab mir euren Flyer. Der Ansatz, eine Plattform für prodemokratische Aktionen im ganzen Land zu bieten, hat mich gleich angesprochen.

 

Besonders wichtig ist Dir die Debatte. Du wünschst Dir eine Diskussionskultur ohne Scham und Angst. Warum?

 

Susann Ratzer: Beide Gefühle prägen uns mit Blick auf soziale, kulturelle und geschlechtliche Unterschiede. Jeder Mensch wird im Miteinander von einem bestimmten Ausmaß an Scham und Angst begleitet. Ich denke, wir sollten uns diesen Gefühlen mutig stellen. Ein offener Umgang mit Unsicherheit und Angst würde helfen, das Zusammenleben positiv zu gestalten, die demokratische Debatte zu verbessern.

 

Inzwischen trommelst Du in Dresden für unsere Initiative. Was erhoffst Du Dir?

 

Susann Ratzer: Ich möchte mit anderen Aktionen starten. Die ersten Rückmeldungen sind gut, aber natürlich gibt es noch Luft nach oben. Toll wären Diskussionsrunden und Projekte, die ein verständnisvolles Miteinander fördern. Sinnvoll fände ich zum Beispiel einen Austausch zwischen Jugendlichen aus den verschiedensten Regionen Deutschlands. Ich freue mich, mit der Initiative eine kreative und bundesweite Plattform für mein Engagement gefunden zu haben.

 

HinweisDieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erschien. Weitere Veröffentlichungen finden Sie hier.

 

Jede Aktion im Sinne einer offenen Gesellschaft zieht neue Kreise und setzt in bewegten Zeiten ein Zeichen. Wer mit uns in Aktion treten will, Material braucht, Fragen oder Ideen hat, schreibe uns an: freunde@die-offene-gesellschaft.de