Starke Gemeinschaften

Gemeinsam wird geredet, gefeiert, gekocht und voneinander gelernt. Start with a Friend bringt Geflüchtete und Einheimische zusammen. Jakob Filzen zieht eine Zwischenbilanz.

„Aus Fremden können Freunde werden.“

 

Mit dieser Überzeugung hat sich im Jahr 2014 in Berlin eine Initiative geformt, um Freundschaften zwischen Geflüchteten und Locals zu stiften. Heute ist Start with a Friend in 17 Städten aktiv und hat rund 3.000 Tandems zusammengebracht.

 

Während in der Öffentlichkeit häufig Aufmerksamkeit für Unterschiede zwischen Schutzsuchenden und der Gesellschaft hier besteht, stehen bei Start with a Friend die Gemeinsamkeiten im Fokus. Auf Basis dieser vermitteln die ehrenamtlichen Vermittler des Vereins freundschaftliche Tandems zwischen Geflüchteten und ‚Locals’ (Einheimische aus Deutschland). Dafür lernen sie beide Seiten persönlich kennen, bevor sie auf Basis von Interessen und Bedarfen eine Tandempartnerschaft vorschlagen. Ausgebildet für das Zusammenbringen der Tandems werden sie an der vereinseigenen Start with a Friend-Academy. Was die Tandems miteinander machen ist so vielfältig wie die Menschen selbst und reicht vom Austausch bei einem gemeinsamen Kaffee oder Sport bis hin zu der Unterstützung bei der Suche nach einem Praktikums- oder Kitaplatz.

 

Wichtig ist dem Verein eine Beziehung auf Augenhöhe zu schaffen, bei der Menschen sich gegenseitig kennenlernen und im besten Fall eine Freundschaft entsteht. Und bisher wissen wir: Zwei von drei Tandems sind Freunde geworden.  

Drei gute Gründe für Start with a Friend

Das Prinzip hinter Start with a Friend ist einfach. Aus drei Gründen ist es trotzdem besonders gut für die integrativen Ziele in Deutschland:

 

1. Gemeinsamkeiten machen es für alle Beteiligten leichter überhaupt in einen persönlichen Kontakt zu treten. So funktioniert es schließlich immer mit neuen Begegnungen. Man trifft sich irgendwo und ein gemeinsames Interesse oder sogar Werte sind der Startpunkt für weiteren persönlichen Kontakt. Menschen, die sich bei Start with a Friend registrieren geben beim Erstgespräch an, was ihnen in einer Tandempartnerschaft wichtig ist. Die Vermittler suchen nach einem passenden Match die den individuellen Wünschen entsprechen.

 

2. Persönlicher und individueller Kontakt zwischen zwei Menschen baut gegenseitige Angst oder Vorurteile ab. Es sind nicht mehr „die Flüchtlinge“ sondern beispielsweise der Tandempartner Fahed mit seinem individuellen Charakter, seinen Wünschen und Sorgen. So werden Ängste oder Vorurteile durch die konkrete Beziehung auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gleichzeitig bietet es einen Einblick in andere und neue Lebensformen oder Perspektiven.

 

3. Zuletzt bietet es jedem eine echte Chance nicht nur politische Diskussionen über Integration im Fernsehen zu beobachten, sondern selbst seinen ganz individuellen Teil zu gelebter Integration beizutragen. Denn letztlich ist jeder Bürger verantwortlich, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Und nur wenn jeder selbst etwas für eine gelingende Integration tut, haben wir die Chance, dass sie gelingt.

Wie gut integriert Start with a Friend wirklich?

Zugegebenermaßen gibt es viele Initiativen, die von ihrer Wirkung überzeugt sind. Diese auch zu belegen ist uns wichtig. Deshalb begleitet die Studie „Mentoring of Refugees“ (MORE) die Tandems von Start with a Friend nun wissenschaftlich. Bei der Studie handelt es sich um ein Forschungsprojekt des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am DIW Berlin. Untersucht wird, wie der freundschaftliche Kontakt von Geflüchteten zu ehrenamtlichen Tandempartnern ihre Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtern kann. Die Studie MORE ist die erste große Längsschnittstudie über die Wirksamkeit von Tandems mit Geflüchteten. Sie liefert Erkenntnisse, in welche Bereiche solche Tandem-Beziehungen wirken: ob beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, beim Spracherwerb oder in das gesellschaftliche Leben (Mehr Informationen hier).

Die persönlichen Geschichten zählen

Jakob Filzen, Start with a Friend e.V.

Zwischen politischen Debatten und Gesetzesentscheidungen sind es besonders die persönlichen Begegnungen und Geschichten, die uns berühren und die die Arbeit des Vereins so wertvoll machen. Regelmäßig erreichen uns Nachrichten von Tandems, die von ihren gemeinsamen Erfahrungen berichten: von gefundenen Wohnungen oder Jobs, aber auch von bürokratischen Herausforderungen und Frustrationen durch gesetzliche Regelungen. Welche Auswirkungen diese auf den Einzelnen haben, zeigen wir mit unserer neuen Plattform Stammtisch Paroli auf. Unter www.stammtisch-paroli.deerzählen wir die Geschichten hinter Statistiken und machen die Auswirkungen der deutsche Asyl- und Integrationspolitik für den Einzelnen erlebbar.

Rückblickend hat Start with a Friend einen Begegnungsraum geschaffen, der auf Resonanz stößt. Innerhalb von knapp drei Jahren sind in 17 Städten starke Gemeinschaften von Geflüchteten und Locals entstanden, die sich auch über die Tandems hinaus regelmäßig treffen. Gemeinsam wird geredet, gefeiert, gekocht und voneinander gelernt. Mehr als 5.000 Tandempartner, 175 Vermittler und die hauptamtlichen Mitarbeiter zeigen: Aus Fremden können Freunde werden. Man muss die Menschen nur zusammen bringen.

 

Um noch mehr Menschen zusammenzubringen sind wir aktuell auf der Suche nach Locals. Mehr Informationen und die Möglichkeit sich zum nächsten Informationsabend anzumelden gibt es unter: www.start-with-a-friend.de

 

Zum Autor

 

Jakob Filzen (28 Jahre) ist Sozial- und Organisationspsychologe (M.Sc.) und Projektleiter MORE beim Start with a friend e.V.

 

Titelfoto: V.Pech