Tage der gelebten Utopie

Als Familienvater mit Fulltime-Job könnte Norman Schäfer am Wochenende auch völlig erschöpft auf der Couch liegenbleiben. Stattdessen organisiert er  ein utopisches Festival mitten auf dem Land. Warum, schildert er im Interview.

Norman Schäfer

Neben dem Beruf Festivals aus dem Boden stampfen, mit Bands, Kunst und Debatten, und zwar mitten auf dem Land – Ist das für einen viel beschäftigten Familienvater nicht ein größenwahnsinniges Unternehmen?

 

Norman Schäfer: Das klingt tatsächlich größenwahnsinnig. Aber mit Rücksicht auf die Familie, den Job und die eigene Gesundheit musste ich natürlich dafür sorgen, dass es das nicht wurde. Natürlich sind die Festivals ein enormer Kraftakt. Möglich wird das alles, indem sehr viele Menschen sehr viel ehrenamtliche Arbeit reinstecken.

 

Impulse in der Heimat

Wie kommt es zu diesem ungewöhnlichen Engagement?

 

Norman Schäfer: Bevor es mich in größere Städte und schließlich nach Mannheim zog, bin ich in der wunderschön gelegenen Nahe-Hunsrück-Region aufgewachsen, im 200-Einwohner-Dorf Auen. Ich hatte immer diesen Grundantrieb, in meiner Heimat kulturelle und soziale Impulse zu setzen. Und so geht es vielen in unserer Initiative, die überall in Deutschland verteilt leben, teils sogar im Ausland. Seit 2012 ist alles nach und nach gewachsen. Zusammen haben wir Kulturaktionen gestartet, die gut ankamen. Auch vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtspopulismus haben wir dann 2016 gesagt, lasst uns mehr machen. Lasst uns urbane Musik, zeitkritische Kunst und politische Bildung verbinden und mit den Menschen vor Ort was rocken. So war die Idee des Open-Air-Festivals ‚Auf Anfang‘ geboren.

Inwiefern sind es Festivals für eine offene Gesellschaft?

 

Norman Schäfer: Wir wollen damit neue und offene Plattformen des sozialen Austauschs schaffen. Egal ob Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Rentner, ob Ortseinwohner, Besucher aus der Region oder den überregionalen Großstädten – wir möchten Leute aller Couleur zusammenbringen. Gemeinsam setzen wir ein Zeichen für Solidarität, Toleranz, Freiheit und Gleichheit. Es sind Tage der gelebten Utopie.

Haben sich aus den Festivals neue Freund- und Bekanntschaften entwickelt?

 

Norman Schäfer: Ja, das ist unglaublich cool. Die Leiterin des Hunsrücker Heimatmuseums ist inzwischen genauso im Verein aktiv wie ein Inder, der in Bad Sobernheim arbeitet. Ich könnte so viele neue Freundinnen und Freunde aufzählen. Den Musikprofessor aus Irland, das Performance-Kollektiv aus Frankfurt, die Bands aus Stuttgart, Basel oder Maastricht …

Anfänge und Aufbrüche

Euer erstes Festival hieß „Auf Anfang“. Leben wir in einer Zeit, in der es zu wenig Aufbrüche und Anfänge gibt?

 

Norman Schäfer: Nicht unbedingt. Es gibt insbesondere in den letzten Jahren super viele und ganz wunderbare Aufbrüche und Anfänge, etwa mit der Initiative Offene Gesellschaft. Zivilgesellschaftliches Engagement erlebt zum Glück gerade einen neuen Drive. Allein die mehr als 240.000 Menschen bei der #Unteilbar-Demo in Berlin machen Hoffnung.  Zumindest im ländlichen Raum könnte es sicherlich mehr Anfänge und Aufbrüche mit kritischen und visionären Positionen geben.

 

Für alle, die Ähnliches schaffen wollen – welche Tipps kannst Du mit auf den Weg geben?

 

Norman Schäfer: Auf jeden Fall sollte man eine lange Vorlaufzeit einplanen. Gründet einen Verein und vernetzt euch. Sucht früh und regelmäßig das Gespräch mit den Menschen vor Ort. Macht viel Wirbel mit Pressearbeit und in den Sozialen Medien. Guckt frühzeitig nach Förderungen. Mit frühzeitiger Planung vermeidet ihr am Ende schlaflose Nächte. Und wenn man doch mal bis in die Nacht weitermachen muss, dann ist es das auch wert.

 

InterviewAlexander Wragge

 

Auch Lust bekommen? Das nächste Festival „Auf Anfang! Musik, Kunst & Solidarität“ findet am 26. und 27. Juli 2019 statt. Tickets gibt es hier.

 

Hinweis: Dieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erschien.  

 

Titelfoto: Auf Anfang! Festival 2018 / © IFM, Foto: Markus Below