Technologie beherrschen, Demokratie üben

Wenn wir die offene Gesellschaft wollen, dürfen wie die Herrschaft nicht irgendwelchen Mechanismen überlassen, meint der Mathematiker, Literat und Software-Experte Dominik Rüchardt. Ein Gastbeitrag aus dem Freundeskreis.

 

Ego-Blasen in sozialen Medien, dauernde Verfügbarkeit von Information über Krisen, Automatisierung des Alltags und der Arbeit - ein guter Teil der Krise, die wir spüren in Europa, in der Welt, um uns herum, hat seinen Ursprung in Technologie. Die Menge an Möglichkeiten, Wissen, Alternativen, die uns zur Verfügung steht, sprengt das, was unsere Vorfahren kannten bei weitem. Dabei sind wir mitnichten intelligenter. Doch wir erscheinen allmächtig und das ist bereits der größte Teil des Problems. Wir erwarten, dass wir jedes Problem lösen können. Wir erwarten es von der Politik, von der Medizin, von den Medien, von den Unternehmen.

 

Das können die aber nicht. Und das verzeihen wir ihnen nicht.

 

Es ist der Preis einer säkularisierten Gesellschaft, dass sie diese schwierigen Fragen nicht mehr auf Gott oder die Götter abwälzen kann. Das Schicksal ist etwas, was wir selbst in die Hand genommen zu haben glauben und um das zu bewältigen, müssen wir immer weiter gehen. Immer mehr Krankheiten besiegen, immer mehr Regeln aufstellen, immer mächtigere Maschinen ersinnen, die unseren Alltag absichern. Dabei wissen wir ja nicht einmal, was richtig und was falsch ist. Das wissen nur die Götter - und die haben wir abgeschafft.

 

Es ist ein Teufelskreis, aus dem wir kaum herausfinden werden, denn es ist das Leben. Es ist nun mal so, dass sein Sinn bestenfalls die Suche danach ist und dass uns eine gute Portion Demut guttut, das, was uns mit dem Leben gegeben ist zu akzeptieren, mit all seinen Widrigkeiten.

Die Hybris der Menschlichen Allmacht ist nicht neu

Die Hybris kennt die Menschheit schon lange. Der Turmbau zu Babel handelt davon, Goethe schreibt von der Allmacht und ihren Folgen. Der Zauberlehrling ist eine absolut treffende Parabel unserer Zeit.

 

Es bleibt die Frage, was das für die offene Gesellschaf in Europa und der Welt bedeutet. Es geht dabei um die große Kunst des ‚Leben und leben Lassens‘. Die Einsicht, dass Richtig immer relativ ist und kein Wesen dem anderen gleicht, also auch seine Werte nicht. Dass das Leben, wie Karl Popper schreibt, ein Probieren und Problemlösen ist, ein offenes Experiment im ständigen Wandel. Dass Sicherheit darin besteht, sich zu verändern und das auch zu können und dass die wichtigste soziale Errungenschaft der Menschen die ist, einander zu vertrauen. Dass aber Vertrauen immer wieder neu geübt werden muss. Jeden Tag. Dass Gesetze und Regeln das niemals ersetzen können, sondern immer nur einen Rahmen bilden, der verhindert, dass die Veränderungen nicht ständig allzu heftig mit uns umspringen, sondern wir als Gesellschaft in der Lage sind, mit ihnen umzugehen.

 

Das ist viel.

 

Andere Gesellschaften überließen diese Fragen einfach Gott oder dem König. Im Rahmen der Ordnung eines gütigen Despoten lässt es sich für die Mehrheit trefflich leben. Das machen gerade die Russen und bei uns würden viele diese Befreiung von der Verantwortung begrüßen. Das sind die Wähler der autoritären Erlöser. Und es ist etwas dran: Wenn sich alle über die wichtigen Fragen einig sind, kann man das Geschäft gut einem Diktator überlassen, der die Dinge effizient umsetzt und verwaltet. Der Biedermeier tanzt im Privaten - bis das System um ihn herum zusammenbricht.

Demokratie scheitert an der Sehnsucht nach einfachen Antworten

Die Geschichte zeigt, dass autoritäre Gesellschaften Erfolg haben. Allein das autoritäre Mittelalter währte tausend Jahre. Im antiken Griechenland lösten sich Demokratie und Despotie regelmäßig ab. Die Neuzeit war vorwiegend Monarchisch.

 

Will heißen: Demokratie ist ein empfindliches Gut. Sie ist die hohe Kunst des Sozialwesens und besteht darin, dass wir es selbst in die Hand nehmen zu herrschen. Auch dann noch, wenn die großen Fragen geklärt sind und es um die kleinen Dinge geht. Wenn Politik wie ein zähes Ringen im Kreisen um sich selbst erscheint.

 

Der Versuchung ist dann groß, das abzuwälzen. Auf technische Anlagen, auf messbare Richtlinien, auf Automatismen, die uns unsere Entscheidungen abnehmen. Von der einfachen Verkehrsampel bis zu den immer wieder als ungerecht empfundenen Mechanismen von Justiz und Verwaltung. Technik und Gesetz gehen hier Hand in Hand. Das erste Verlangen ist: „Gib mir eine Regel, nach der ich entscheiden kann“. Doch die Regel gibt es nicht. Entscheiden, das ist die eigentliche Kompetenz des Herrschens. Und Herrschen ist im allerletzten Sinn frei von Regeln.

Wir müssen das Herrschen über die Technologie üben, sonst beherrscht sie uns

Wenn wir die offene Gesellschaft wollen, müssen wir das Herrschen üben. Immer wieder neu. Und nicht der Versuchung erliegen, das irgendwelchen Mechanismen zu überlassen. Die Industrie, zu der ich selbst gehöre, setzt sich keine Schranken im Bau von Mechanismen. Sie macht, womit sich Geld verdienen lässt und tut sich leicht, jedes Geschäft unter dem Label des Fortschritts zu verkaufen. Es ist ein schleichender Prozess, verdeckt unter dem Mantel des Wohlstandes. Begleitet von einer kleinlauten Ergebenheit gegenüber einem anscheinend allmächtigen Mechanismus, der nahezu jede Kulturkompetenz der vergangenen Jahrtausende in einen kommerziellen Algorithmus verwandeln will. Zur Erhöhung von Sicherheit, Bequemlichkeit, Lebenseffizienz. Lauter Errungenschaften, die uns langsam einlullen als Passivwesen und gegen die sich aufzulehnen unendlich schwierig und sinnlos erscheint. Und doch ersetzen sie Autonomie durch Automatisierung. Und wir sind weit fortgeschritten. Die ersten großen Kulturelemente: Die Schrift und das Geld - beide sollen abgeschafft werden. Ersetzt durch Spracherkennung und Transaktionsautomaten.

 

Solange wir nicht in der Lage sind, dem einen Willen entgegenzusetzen, werden wir automatisiert. Im Sinne irgendwelcher Optimierungskriterien, die sich gut verkaufen lassen. Wer das gerne mitmacht, ist ein guter Untertan, aber mehr auch nicht.

 

Das führt zurück zur demokratischen Übung. Sie heißt nicht nur, Europa und die Demokratie zu verteidigen, nach dem Motto: Wir die Guten, die anderen die Bösen. Sie geht viel weiter. Sie geht tief in ethische Fragen, wenn es um Themen wie Sterbehilfe geht oder die Frage, wie viel wir in Lebensverlängerung investieren. Wenn es um Gerechtigkeit geht, die mit einer natürlichen Ungleichheit konkurriert, wenn es um die Anerkennung anderer Systeme in anderen Ländern mit anderen Werten geht. Wenn es um eine Gesellschaftsform geht, die auch den Schwachen Würde und einen Platz gibt. Wir machen es uns immer noch sehr gerne sehr leicht. Früher haben wir die Probleme Gott und dem König überlassen, heute überlassen wir sie der Technik oder der Ökonomie. Als Demokraten müssen wir sie aber selbst anpacken. Dazu brauchen wir vor allen Dingen eines: Meinungen. Und Streit. Wir müssen Position beziehen zu den großen und kleinen Fragen der Lebensqualität und diese Positionen im Diskurs ausfechten. Das hält die Demokratie lebendig und nur so kann sie sich ständig erneuern. Also holt sie alle. Die Konservativen, die Progressiven, die Reichen, die Armen, die Öko’s und Liberalen, die Gläubigen und die Ungläubigen und lasst sie streiten. Streiten über die neuen Fragen – jede Meinung gilt!

 

HinweisGastbeiträge geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors, der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

 

Zum Autor

 

Dominik Rüchardt versteht sich als Brückenbauer zwischen Kultur und Technik, ist Mathematiker und Literat und arbeitet in der Softwareindustrie.

 

HinweisGastbeiträge geben  stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors, der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

 

Titelfoto: Daniel Chen (CC0)