Unerhört!

Mit einer Kampagne lenkt die Diakonie Deutschland den Blick auf Menschen, die medial kaum vorkommen. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie erklärt im Interview die Idee dahinter und fordert eine neue Anerkennungskultur. Gesellschaftlich gefragt seien jetzt "starke Bilder der Zugehörigkeit".

 

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland. Foto: Diakonie/Thomas Meyer

Die Diakonie hat Anfang des Jahres die Unerhört-Kampagne gegen soziale Ausgrenzung gestartet. Plakate wie „Unerhört! Diese Flüchtlinge“ und „Unerhört! Diese Obdachlosen“ sorgten schon mal für Aufmerksamkeit. Was bezwecken Sie damit?

 

Ulrich Lilie: Es ist ein doppeltes Wortspiel. Auf der einen Seite spielt es darauf an, dass viele Themen derzeit nur noch im Ton der Empörung, im Skandalisierungs-Modus besprochen werden. Auf der anderen Seite macht es darauf aufmerksam, dass in diesen aufgeregten Zeiten viele Menschen überhaupt nicht gehört werden, dass ihre Themen unter den Tisch fallen. Diesen Menschen eine Stimme zu geben, ist Aufgabe der Diakonie.

 

Welche Reaktionen erleben Sie?

 

Ulrich Lilie: Wir haben viele positive Rückmeldungen aus dem ganzen Land. Viele Menschen wollen sich beteiligen und einbringen, zum Beispiel mit Foren im Rahmen der „Unerhört“-Kampagne. Widerspruch gibt es aus der ganz rechten Ecke. Hier hat man natürlich kein Interesse daran, auch Geflüchteten eine Stimme zu geben.

 

Wie kamen sie auf dieses hintersinnige Wort „Unerhört“?

 

Ulrich Lilie: Wir wollten keine klassische Kampagne, bei der wir als Diakonie nur ins Schaufenster stellen, was wir alles tun. Wir wollten uns politischer einmischen in die aktuellen politischen Debatten. Wir haben uns gefragt, was uns ausmacht, was unsere Aufgabe ist. Als Diakonie hatten wir schon immer mit denen zu tun, die nicht gehört und nicht gesehen werden. Das kann man schon im neuen Testament erfahren. Da fragt Jesus den Blinden von Jericho: Was willst Du, was ich Dir tun soll? Hinsehen und Hinhören ist der Anfang der Diakonie.

Aus der linksliberalen Ecke herausfinden ...

Aufmerksamkeit hat die Kampagne schon mal erreicht. Und jetzt?

 

Ulrich Lilie: Wer über das Wort stolpert, findet auf unserer Internetseite Geschichten von „Unerhörten“. Obdachlose Menschen berichten, Geflüchtete, auch Menschen, die von Altersarmut betroffen sind oder Menschen, die sich um andere kümmern. Wir laden dazu ein, eigene Geschichten zu erzählen.

 

Das Ganze ist aber nicht nur eine Online-Kampagne. Zentraler Baustein sind unsere „Unerhört“-Foren, bei denen wir vor Ort Debatten mit denen in Gang setzen, die sonst selten zu Wort kommen. Die ersten haben bereits stattgefunden. So sprachen wir in der ehemaligen Bergbaustadt Herten im Ruhrgebiet über die großen Probleme des Strukturwandels. Auch wohnungslose Menschen haben sich beteiligt. Erst das Zuhören und Miteinander Reden schafft die Basis zum Handeln.

 

Der Erfolg des Rechtspopulismus scheint geradezu einen Trend zum Zuhören ausgelöst zu haben. Viele fragen sich, was die Menschen treibt, die für die AfD, Trump oder den Brexit gestimmt haben. Der französische Soziologe Didier Eribon lenkt zum Beispiel den Blick auf eine abgehängte Arbeiterschicht und die Undurchlässigkeit der französischen Gesellschaft. Ist Zuhören der neue Zeitgeist?

 

Ulrich Lilie: Das Zuhören ist ein wesentlicher Schritt. Ich finde es wichtig aus der linksliberalen Ecke der Progressiven herausfinden und anzuerkennen, dass sich viele Menschen mit ihren Problemen nicht gehört fühlen. An einem Beispiel: wenn die Hälfte der Menschen in Berlin Angst hat, die eigene Wohnung zu verlieren, weil sonst wegen der dramatisch gestiegenen Mietpreise die Verdrängung an den Stadtrand droht, muss das ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Es darf auch nicht sein, dass die Bezirke, die große soziale Schwierigkeiten haben. mit der Aufnahme und Integration von Geflüchteten überfordert werden.

"Abwertung der anderen Biographien"

Gibt’s beim Zuhören auch Grenzen? Manche können die Rede von den „besorgten Bürgern“ und ihren Ängsten nicht mehr hören, wenn sich dahinter einfach Fremdenhass verbirgt …

 

Ulrich Lilie: Wir müssen uns um die realen Probleme kümmern und die Fragen der Verunsicherten ernstnehmen, sie aber natürlich anders beantworten als die Rechtspopulisten und Ewiggestrigen. Mit wem wir nicht reden sind diejenigen, die sich bewusst menschenfeindlich äußern, gegen ganze Bevölkerungsgruppen hetzen. Am Ende muss es darum gehen, dass das Zusammenleben in einer älter, bunter und leider auch ungleicher werdenden Gesellschaft gelingt.

 

Die aktuellen Debatten lassen sich auch psychologisch deuten. Manche, die im Netz hetzen, scheinen sich selbst nicht anerkannt zu fühlen, scheinen unzufrieden mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft …

 

Ulrich Lilie: Die Anerkennungskultur ist ein sehr wichtiges Thema. Andreas Reckwitz hat in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gezeigt, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung die kulturelle und kosmopolitische Elite bildet. Dieses Drittel bestimmt einfach ausgedrückt, was angesagt ist und was nicht. Darin steckt auch eine Abwertung der anderen Biographien.

 

Inwiefern?

 

Ulrich Lilie: Es gab mal Zeiten, da waren bei der Sozialdemokratie aber auch in Teilen der Unionsparteien die sogenannten „Kleinen Leute“ die Heldinnen und Helden dieser Gesellschaft. In der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie dreht sich Vieles nur noch um die coolen jungen hippen Leute in den Städten. Da müssen wir aufpassen, dass Menschen sich nicht entfremden von dieser Öffentlichkeit, sich darin nicht mehr gesehen und anerkannt fühlen.

"Starke Bilder der Zugehörigkeit"

Die Willkommenskultur gegenüber Geflüchteten scheint manche Menschen sehr wütend gemacht zu haben, nach dem Muster: „Warum werden die jetzt beklatscht und umarmt und für mich interessiert sich niemand?“ Sehen Sie diesen Zusammenhang?

 

Ulrich Lilie: Angela Merkel ist eine sehr rationale und erfahrene Frau. Und es war eine Stärke von ihr, in der Flüchtlingskrise auch Gefühle zu zeigen, zum Beispiel als sie sich spontan mit Geflüchteten fotografieren ließ. Das Problem war nur, dass wir diese Momente und Bilder des Zusammenhalts in anderen Bereichen zu selten hatten. Es wurde nicht so deutlich gemacht, dass auch Menschen mit Ostgeschichte dazugehören, die sich als Verlierer fühlen, oder Menschen im Ruhrgebiet, die den Strukturwandel nicht gut meistern konnten.

 

Der eine wird in den Arm genommen, der andere nicht. Da kommen schnell Neidgefühle auf. Das ist wie in der Familie. Unsäglich ist natürlich, wie die AfD das anheizt und benutzt, um bedürftige Gruppen gegeneinander auszuspielen.

 

Was ist zu tun?

 

Ulrich Lilie: Wir brauchen starke Bilder der Zugehörigkeit. Der Soziologe Hans Joas hat sinngemäß gesagt: ‚Lasst uns keine Wertedebatten führen, sondern lasst uns über Zugehörigkeit reden, über das Gehört werden und darüber, wie es sozial gerecht zugeht in der Gesellschaft‘. Genauso verstehen wir unser Engagement.

 

Die Unerhört-Kampagne läuft noch bis 2020. Was hat sie bis dahin bestenfalls erreicht?

 

Ulrich Lilie: Sie hat eine neue und breite Wahrnehmung für die erreicht, die in unseren Debatten nicht vorkommen und kein Gehör finden. Wir haben Wege gezeigt, wie sie wieder gehört werden und auch, was die „Unerhörten“ selbst dafür tun können, das ist ganz wichtig. Wir reden wieder über eine offene und soziale Demokratie, in der alle vorkommen.

 

Das Interview führte Alexander Wragge.

 

Zur Person

Ulrich Lilie, geboren 1957, ist evangelischer Pfarrer und seit 2014 Präsident der Diakonie Deutschland. Die Diakonie ist Partner und Förderer der Initiative Offene Gesellschaft und ruft gemeinsam mit uns auf, einmal im Jahr den Tag der offenen Gesellschaft zu feiern.

 

Titelfoto: Diakonie/Kathrin Harms