Von Rom bis Marseille: Ein anderes Europa ist möglich

Kann eine junge und gut vernetzte Zivilgesellschaft den Trend zum Nationalismus stoppen und die Agenda selbst setzen? Beobachtungen von Daphne Büllesbach (European Alternatives).

 

Wenn ich an Europas beste Freundinnen und Freunde denke, fällt mir spontan Domenico ‚Mimmo‘ Lucano ein. Er lebt nicht in Brüssel, sondern ist Bürgermeister der kleinen Gemeinde Riace in Süditalien. Dort hat er seit 1998 die Tore für Geflüchtete geöffnet. Sie zogen in die leerstehenden Häuser von Riace ein, sie fanden eine neue Heimat in einem Ort, der sonst wegen Abwanderung und Überalterung auszusterben drohte. Die Geschichte vom „Dorf der Geflüchteten“ ging um die Welt. Sie wurde zum Sinnbild für ein mutiges und humanes Europa, das sich etwas einfallen lässt. Sogar Wim Wenders kam, und drehte eine halbstündige Dokumentation über den Neuanfang im strukturschwachen Kalabrien.

 

Doch seit Jahren geraten diejenigen unter Druck, die europäische Werte wie Offenheit und Humanität hochhalten, nicht nur in Polen oder Ungarn. Auch in Italien hat sich der Wind gedreht.

 

Der neue Innenminister Matteo Salvini setzt nicht nur auf Abschottung, indem er die Häfen des Landes für Rettungsschiffe dicht macht, er knöpft sich auch „Gutmenschen“ wie Lucano vor, den er schon mal als „totale Null“ beschimpft. Was eben noch als Integrationsmodell von Riace gelobt und nachgeahmt wurde, gerät heute ins Visier der Justiz. Lucano wurde unter Hausarrest gestellt. Der Vorwurf lautet Beihilfe zur „illegalen Einwanderung“, konkret wird ihm die Unterschlagung öffentlicher Gelder vorgehalten. Bewiesen ist davon noch nichts.

Die Städte können der Schlüssel sein

Auf der anderen Seite: Europas Zivilgesellschaft ist bereits so vernetzt, dass es schwer fällt sie aus nur vermeintlich nationalen Fragen wie der Hilfe für Geflüchtete herauszuhalten. Europaweit solidarisieren sich Menschen mit Lucano, darunter auch zahlreiche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Fernab von Italiens Küste erklären sich die Städte Düsseldorf, Köln, Bonn und zuletzt Erlangen zu „sicheren Häfen“. Es sind europaweit noch weit mehr Städte, die wie es die Bewegung „Seebrücke“ fordert, auf der Flucht in Seenot geratene Menschen aufnehmen. Es zeugt von einer neuen Ebene der Zusammenarbeit und Solidarität in Europa, zwischen Städten.

 

Leider bleiben solche Formen der europäischen Solidarität medial oft unterbelichtet. Dabei gibt es sie längst, die vielen Netzwerke, Bündnisse und Initiativen, die ihre politischen Interessen nicht mehr national, sondern europäisch und transnational formulieren – von #Unteilbar zu „United Against Racism“bis zu den Ryanair-Streikenden. Auf den Zusammenhalt der europäischen Zivilgesellschaft wird es immer mehr ankommen, damit Nationalisten Europa nicht spalten und rückabwickeln können.

 

Speziell die Städte haben hier noch großes, europäisches Vernetzungs-Potenzial. Die Forderung nach „cities of solidarity“ wurde vor allem auf die Straßen großer Städte getragen und dort erkämpft, nicht nur kürzlich in Berlin bei #Unteilbar, sondern schon vor einigen Jahren in Barcelona, als über 100.000 Menschen auf die Straße gingen – mit der Forderung #refugeeswelcome.

 

Von Rom über Marseille bis Madrid teilen schon sehr viele Menschen eine kosmopolitische und postmigrantische Lebenswirklichkeit, und die Bevölkerung in den Städten wächst tendenziell. Viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner führen längst dieselben oft progressiven Debatten, über die Postwachstumsgesellschaft, über neue Formen des Lebens und Arbeitens. Ohne das Land hierbei zu vergessen: die Kooperation der (kleinen wie großen) Städte kann der Schlüssel für ein weltoffenes, nachhaltiges und gleichberechtigtes Europa sein.

Europaweit auf die Straße gehen

Mit den European Alternatives bringen wir seit Jahren Engagierte und Interessierte zusammen, die ein besseres Europa gestalten wollen, jenseits der Nationalstaaten. Höhepunkt sind unsere Transeuropa Festivals, die mittlerweile in fast 30 Städten stattgefunden haben. Im Oktober 2019 wird das Festival in Palermo stattfinden.

 

Eines erlebe ich bei dieser Arbeit immer wieder aufs Neue: In kürzester Zeit sind die Fremdheiten und Sprachbarrieren überwunden. Über die gemeinsame Arbeit, die sich natürlich nicht selten gemeinsamen politischen Zielen verschreibt, entstehen neue Netzwerke und neue Freundschaften. Nach fünf Tagen Transeuropa Festival ist ein humanes, kulturell vielfältiges und soziales Europa keine ferne Utopie mehr. Wir haben es gerade persönlich erlebt. Das gemeinsame Erschaffen und Erlebbar-Machen neuer Möglichkeiten und Alternativen zum Status quo, sind der erste Schritt auf dem Weg zur Realisierung. Wichtig dabei ist nicht zu vergessen, wie erfolgreich die extreme Rechte in Europa darin ist, ihre Vision für Europa erlebbar zu machen und gegen was es gilt, Widerstand zu leisten.

 

2019, im Jahr der Europawahl, wird es notwendig sein, dass die vielfältig geknüpften Verbindungen der europäischen Zivilgesellschaft die Kraft entwickeln, die politische Agenda progressiv mitzubestimmen. Es gibt dafür bereits Pläne, die auch eine Einladung darstellen: Mit vielen anderen Initiativen (von „The European May“ bis „Diem25“) rufen wir den European May aus, Aktionstage kurz vor den Wahlen nächsten Mai. Mehrere Tage lang werden wir mit künstlerischen und kreativen Aktionen für ein solidarisches Europa der Menschenrechte eintreten, grenzüberschreitend gegen anti-demokratische Kräfte auf die Straße gehen. Gesellschaftsveränderung entsteht durch gemeinsames Handeln. Mimmo Lucano hat schon mal gut vorgelegt.

Zur Person: Daphne Büllesbach ist Executive Director der European Alternatives. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für ein demokratischeres, gleichberechtigtes und kulturell offeneres Europa ein.

 

HinweisDieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erschien. Weitere Veröffentlichungen finden Sie hier

 

Titelfoto: Runde beim Transeuropa Festival in Madrid 2017 / European Alternatives