All die scheuen Pferde

Gute Ideen sind Fluchttiere. Das weiß Autorin und Texterin Ilona Hartmann aus eigener Erfahrung nur zu gut. Welchen Raum brauchen gute Ideen und wie fängt man sie ein? Der Versuch einer Annäherung.

Meine Mutter hat ein Pferd. Sie lebt auf dem Land, der Stall ist nur ein paar Schritte entfernt. Seit ich denken kann, lebt dort ihr Pferd –  früher eine dunkelbraune Stute, heute ein hellbrauner Wallach. Im Sommer steht sie zum Sonnenaufgang auf, um das Tier noch vor der großen Hitze des Tages zu versorgen. Im Winter zieht sich eine zweistellige Zahl warmer Kleidungsstücke und eine Stirnlampe an und watet durch Schneeregen und Gegenwind im Morgengrauen in den Stall. Woher sie die Überwindung und Disziplin dafür nimmt, ist mir oft ein Rätsel gewesen.

 

Und überhaupt: Meine eigene Lebensrealität in Berlin könnte nicht weiter davon entfernt sein. Der einzige Ort, an dem ich Pferden begegne, ist der Platz mit den Touristenkutschen vor dem Brandenburger Tor. Und trotzdem glaube ich, zu wissen, wie sich die Stallarbeit meiner Mutter anfühlt, denn auf eine Art ist meine kreative Arbeit mein Pferd. Ich muss mich darum kümmern, jeden Tag, gegen innere und äußere Widerstände, gegen alle Ablenkungen und Ausreden. Höchstens die Stirnlampe bleibt mir dabei erspart.

Anzufangen ist das Schlimmste

Als selbstständige Autorin und Texterin ist es Teil meines Berufs, gute Ideen zu haben. Wie ich da hinkomme, ist mir, vor allem aber meinen Auftraggeber*innen, meistens egal. Hauptsache, der Text, die Lines, das Konzept stehen und überzeugen. Bestimmt hätte ich in einem Workshop zum kreativen Arbeiten Techniken zur Ideenfindung erlernen können, aber ich war stur und ein bisschen arrogant und fand, es gehe auch so. Es hat dementsprechend lange gedauert, bis ich überhaupt verstand, wie und wo ich am besten kreativ denke und arbeite. Ehrlich gesagt: Ich glaube überhaupt nicht an sogenannte Kreativtechniken. Ein ehemaliger Kollege räumte jeden Abend den Schreibtisch leer, um am nächsten Morgen mit „frischem Kopf“ zu beginnen. Es sah immer aus, als habe er gekündigt. Am nächsten Morgen gingen die ersten zehn Minuten des Arbeitstags dafür drauf, die Unterlagen vom Vortag wiederzufinden und den Arbeitsplatz einzurichten. Was für eine Verschwendung! In der Zeit kann man genauso gut verzweifelt aus dem Fenster starren.

 

Die einzige „Kreativitätstechnik“, die mir zuverlässig Ergebnisse bringt, ist, die Hürde zum Einstieg in die eigentliche Arbeit so klein wie möglich zu halten. Anzufangen ist das Schlimmste. Max Goldt formulierte einmal sehr treffend in einem Interview: „Macht ja keinen Spaß, zu schreiben. Aber es macht Spaß, etwas geschrieben zu haben.“ Konkret heißt das, mich ungeachtet meiner äußeren Erscheinung und Laune morgens an den Küchentisch zu setzen und zu schreiben. Am besten so unauffällig, dass ich es erst mal gar nicht bemerke.

 

Man könnte meinen, die eigene Kreativität als Werkstoff sei etwas Leichtes. Es klingt amüsant und mühelos. Manchmal stimmt das auch. Aber Kreativität und das Finden und Formulieren neuer Ideen ist vor allem die meiste Zeit zäh und zehrend. Weil –  so geht es mir und vielen kreativen Kolleg*innen, mit denen ich deswegen regelmäßig spreche (weine) –  weil der Selbstzweifel und die Versagensangst unvermeidbar mitdiskutieren. Ständig stellen die beiden Zwischenfragen: Ist dieser Gedanke nicht völlig banal? Hat man das nicht schon zu oft gelesen? Fällt dir zu Illustration deines Arguments eigentlich wirklich gar nichts Besseres ein, als Beispielfragen aneinanderzureihen? Und so weiter.

 

Die Kraft, die es kostet, über diese Selbstverunsicherungen hinwegzuarbeiten, wird, so hoffe ich zumindest, im Laufe eines Berufslebens weniger. Oder man findet sich irgendwann mit dem Mittelmaß seiner eigenen Arbeit ab und akzeptiert die kurze Halbwertszeit kreativer Erfolge. 20 Minuten, drei Monate oder sechs Jahre danach hätte ich alles komplett anders und natürlich viel besser gemacht!

Bild: Max Kersting

Die Geheimformel

Kreative Berufe leiden außerdem, besonders in Deutschland*, immer noch unter Johann Wolfgang von Goethe. Ihn mache ich exemplarisch für den Geniekult verantwortlich, der sich seit Jahrhunderten hält und den Mythos um kreative Arbeit weiter befeuert. Kreativität findet demnach angeblich in drei Stadien statt:
 

1. Epiphanie
In einer markerschütternden Erleuchtung wird der oder die Kreative von einer grandiosen Idee ergriffen, deren Umsetzung keine Sekunde länger warten kann.
 

2. Isolation
Derart inspiriert verschließt sich der oder die Kreative vor der Außenwelt in einem feuchten Altbau ohne Tapete und arbeitet leidend, frierend, aber stets unter Feuereifer und mit wahnhaft aufgerissenen Augen an seinem Werk.
 

3. Triumph
Ausgezehrt, aber mit dem inneren Leuchten, das nur wahre Genies erlangen, tritt der oder die Kreative mit vollendetem Werk ans Tageslicht. Es folgen tosender Applaus, ungläubige Bewunderungsstürme, Weltruhm, Millionenverträge, man kennt’s.

 

Eine Sache daran stimmt zumindest: Kreatives Arbeiten ist in vielen Fällen mit Einsamkeit verbunden. Von schalldichten Kopfhörern im Coworking-Space bis zur einsamen Berghütte ohne Internetzugang gibt es verschiedene Eskalationsstufen der Isolation, aber eine Gemeinsamkeit bleibt: Um aus sich selbst heraus neue Gedanken zu schöpfen, muss man zuweilen erschöpfend intensiv mit sich selbst allein sein. Beziehungsweise: sein können. Noch nie war ich so dankbar für Einladungen zu Events, zum Abendessen oder zum Kistenschleppen beim Umzug wie in der Zeit, in der ich tagsüber meinen Roman schrieb.

 

Um also dem Kreativitätsmythos mehr Realismus gegenüberzustellen, hier der Normalverlauf der Ideenfindung, anskizziert an einem aktuellen Beispiel:

 

1. Dreckiges Geschirr
Missmutig, aber pflichtbewusst erledigt die Kreative das ihr verhasste Abspülen und fragt sich zum wiederholten Mal, wann ihr endlich jemand eine Spülmaschine schenkt. Und wer hat eigentlich dieses seltsame Veilchen-Seegras-Spülmittel gekauft? Es riecht nach Wellnessurlaub. Urlaub, hm. Urlaub hat die Kreative schon lange nicht mehr gemacht. Kreta soll ja so toll sein.
 

2. Tranceähnlicher Ablenkungszustand
Eine Idee streift das Unterbewusstsein der Kreativen. Im letzten Moment erwischt sie den Gedanken und verarbeitet ihn für alle Welt sichtbar zu einem pointierten Tweet.
 

3. Arbeit und Struktur
Der restliche Tag vergeht mit zähneknirschender, disziplinierter Arbeit am Auftrag, der am nächsten Morgen abgegeben werden muss. Als geschmeidigen Einstieg wählt sie eine neulich beiläufig notierte Idee, die ihr beim Abstauben kam.

 

Heruntergebrochen auf eine Formel lautet sie in meinem Falle wohl: Der ideale Lebensraum für neue Ideen ist gleich eine leichte körperliche Tätigkeit plus wichtige anderweitige Aufgaben. Im Schatten einer nahenden Deadline können sich Ideen unbemerkt vermehren wie Bakterien in einer dunklen Ecke im Kühlschrank. Das Schlimme an dieser notwendigen Beiläufigkeit ist, dass man sie nicht immer bewusst erzeugen kann. Das Schöne ist, wenn sie trotzdem passiert. Und dass sie so zuverlässig passiert, dass ich davon leben kann. Manchmal, wenn wirklich gar nichts mehr geht, rufe ich meine Mutter an und frage nach dem Pferd. Ach, sagt meine Mutter dann, dem Pferd geht’s gut, aber das Wetter der letzten Tage sei schlecht gewesen und im Nieselregen mache das alles keinen rechten Spaß. Ich weiß, denke ich dann mit Blick auf den Bildschirm im Ruhezustand, wo sich mein müdes Gesicht spiegelt. Ich weiß.

 

*In den USA ist es beispielsweise sehr viel bekannter und akzeptierter, dass Comedians mit Autor* innen und Musiker*innen mit Songschreiber*innen arbeiten und das Endprodukt ein Teamerfolg ist.

Zur Autorin

Ilona Hartmann lebt und arbeitet als Autorin und Texterin in Berlin. Ihr Debütromat erscheint im Sommer 2020. Zur Überbrückung der Wartezeit gibt es unter @zirkuspony 12.400 sehr gute Tweets.

Foto: Svenja Trierscheid

 

 

 

 

 

Aufstand der Ideen - Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week).