Das ideenlose Land

Eine neue Enge ist zu spüren. Deutschland hat sich schleichend in sich selbst verloren, wirkt zunehmend matt, müde, langweilig. Georg Diez über eine Gesellschaft im „Bitte-nicht-stören"-Modus.

Etwas hat sich verändert in diesem Land; und ich kann nicht genau sagen, wann es passiert ist oder wann ich es gemerkt habe. Aber es hat etwas damit zu tun, wie viel Welt man zulässt und wie man sich zur Welt verhält. Und immer, wenn ich zum Beispiel aus Asien oder aus den USA zurück nach Deutschland komme, spüre ich diesen Energieabfall, diesen Spannungsverlust, die Enge, die Ideen- und Mutlosigkeit, diese Routine, dieses störrische deutsche Nicht-gestörtwerden-Wollen von der Welt.

 

Deutschland ist anders, in vielem privilegiert. Und mit diesen Privilegien kommt eine Weltsicht, die das, was man hat, als Resultat der eigenen Fähigkeiten und des eigenen Schaffens betrachtet und mit Stolz, mit Wertigkeit, mit einem Gefühl versieht, dass man etwas geleistet hat, geschaffen hat – zusammen, individuell, als Gesellschaft, als Land. Das ist einerseits verständlich und auch nicht vollkommen falsch; andererseits führt es eben dazu, dass man etwa Veränderungen nicht so leicht wahrnimmt, dieses leichte Beben im Gefüge, diese Lücken, die sich öffnen, das Neue, möglicherweise, das in verschiedenen Formen und Gestalten auftritt.

Die deutsche Enge

Anders gesagt: Dieses Land hat sich nicht aggressiv von der Welt abgewandt. Es hat sich schleichend in sich selbst verloren, vergraben, in den Jahren der großen Koalition, als auch die Politik sich verengte, den Streit vermied, die Argumente scheute, entscheidende Debatten nicht geführt wurden. Aber die große Koalition ist kein Grund für den Zustand dieses Landes, höchstens ein Symptom. Was geschehen ist: Nach dem Fall der Mauer 1989 ist dieses Land wieder deutscher geworden, kleiner in einer globalisierten Welt, größer in einem erst selbstzufriedenen und dann schlingernden Europa, es hat sich wieder mehr nach innen gewandt, in Zeiten von Flucht und Migration haben sich die Deutschen um Heimat und nationale Identität gesorgt.

 

Das hat Folgen. Die Innerlichkeit war immer ein deutscher Zustand, und damit verbunden war eine Weltabgeschiedenheit, die den Austausch scheute, die Neugier mit Skepsis verband, das Unbekannte mied oder als fremd bezeichnete. Diese Innerlichkeit konnte mal romantisch, mal borniert sein, oder auch beides. In jedem Fall war sie keine gute Voraussetzung dafür, das Neue ins Leben, ins Land zu holen, das Mutige zu wagen, das Kleine wachsen zu lassen. Kurz gesagt: Die Enge, in die dieses Land gerutscht ist, seit längerer Zeit schon, ist ein Grund dafür, warum ich mich manchmal so fühle, als werde mir die Luft abgeschnürt.

Das Neue braucht Platz

Und Luft ist nötig, damit Dinge entstehen. Luft ist nötig, damit Menschen Mut haben. Luft ist nötig, damit etwas wachsen kann, das Neue. Wie also soll Veränderung gehen, wenn das Neue keinen Platz hat? Es sind Ideen, die das Neue in die Welt bringen, Ideen in Form von Technologie, Ideen in Form von politischen Gedanken für Gleichheit, Gerechtigkeit oder Umverteilung, Ideen in Form von Produkten, Services, Bauten, Häusern, Geräten, Städten. Aber so vieles sieht immer noch so aus, wie man es kennt und erwartet: Institutionen, Abläufe, Autoritäten, Sinnzusammenhänge. So viele scheinen sich vor der Zukunft zu verstecken. So viele sind wie erstarrt, und die Ideen, die an dieser Starre, an dieser Enge etwas ändern könnten, finden keinen Raum.

 

Und das hat Konsequenzen. Wenn ich die Bücher lese, die Zeitungen aufschlage, die Webseiten anschaue, die Podcasts höre, die Ausstellungen besuche, den Politikern zuhöre, dann spüre ich diese Enge, diesen Verlust an Welt, der dazu führt, dass man die eigene Weltsicht als gegeben annimmt. Und wenn dann etwas „Unvorhergesehenes“ passiert, unvorhergesehen nur, weil man nicht hingeschaut hat oder einfach die Zeichen der Zeit ignoriert, wenn also etwa „auf einmal“ Geflüchtete an den Grenzen auftauchen, die doch schon Jahr um Jahr im Mittelmeer ertrunken sind, dann wirkt das ideenlose, enge Land etwas überfordert.

Bitte nicht stören

Und selbst, wenn es, wie im Fall der Geflüchteten im Sommer 2015, viele Ideen und Initiativen gibt, die dieser Not mit konkreten Lösungen begegnen und die Energie dieser Ausnahmesituation in die Gesellschaft tragen, reagiert das Establishment von Medien und Politik mit Ablehnung. Die Ruhe, in der man sich in seiner Weltabgewandtheit eingerichtet hat, soll nicht durch den Einbruch von Realität gestört werden.

 

In vielem, glaube ich, ist der Rechtsruck der Gesellschaft, der Aufstieg der AfD, aber auch die Art und Weise deutscher Talkshows, die Angst vor Konflikten, die Verdrängung des eigenen Rassismus, die Ignoranz gegenüber anderen Lebensweisen, auch das Reden über politische Korrektheit, gerade wieder die Behauptung, es gebe weitreichende gesellschaftliche Redeverbote, eine Beschneidung der Meinungsfreiheit, in diesem Fall vor allem für alle, die rechts stehen und sich beschweren, nicht für die vielen, die tatsächlich ausgegrenzt werden und schweigen – in vielem sind all diese Veränderungen mit der Enge und Ideenlosigkeit in diesem Land zumindest verbunden.

Beherrscht durch Angst und Argwohn

Die eine, alles umfassende Erklärung gibt es nicht. Aber diese Enge, die so vieles prägt in diesem Land, angefangen von den Diskursen und Debatten, in Bereichen wie Globalisierung, wo die Kritik etwa des Ökonomen Dani Rodrik nur sehr verzögert wahrgenommen wurde, in der Diskussion um die Austerität, als der Rest der Welt staunte, warum deutsche Ökonomen und vor allem Politiker und Journalisten in der europäischen Krise seit spätestens 2010 so sehr auf einer Haltung beharrten, von der die allermeisten im Ausland überzeugt waren, dass sie falsch oder destruktiv sei, und besonders auffällig bei allen Themen, die mit Technologie zu tun haben, wo die Angst und der Argwohn die Argumentation beherrschen – diese Enge ist zugleich Ursache und Ergebnis der Abwehr des Neuen.

 

Die Frage ist, wie diese Gesellschaft da herausfindet. Ich weiß nicht, ob es an meiner Generation liegt, also den jüngeren Geschwistern der Babyboomer, jener Generation der heute 40- bis 60-Jährigen, die die Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft, Medien einnimmt und noch im fast schlafwandlerischen Bewusstsein des Siegeszugs des eigenen Lebensmodells aufgewachsen ist, unter Aufgabe von Selbstzweifeln und Realitätscheck? Kommt das Neue, kommen die Ideen, kommt die Welt mit der nächsten Generation, den Millenials oder ihren jüngeren Geschwistern, die die Schule schwänzen, um gegen den verantwortungslosen Stumpfsinn und die Zerstörung auch meiner Generation zu protestieren? Kommt Veränderung in diese Gesellschaft, wenn endlich die Diversität des Landes auch in den Redaktionen, Fraktionen, Führungsetagen durchdringt und mehr Deutsche mit Migrationsbiographien vertreten sind?

Ohne Ideen sterben wir

Es ist für mich klar, dass sich etwas grundsätzlich ändern muss, wenn Deutschland eine dynamische und vor allem offene Gesellschaft behalten will. Die Regression, der Rückzug auf eine oft fiktive Vergangenheit in Ermangelung der Vision einer gestaltbaren Zukunft, ist politisch extrem gefährlich – und kulturell wie gesellschaftlich wird dieses Land dadurch zunehmend matt, müde, langweilig, die Verhinderung des Neuen durch die Bequemlichkeit des Alten. Ich sehe das im Fernsehen, ich sehe das im Freundeskreis, die Privatisierung von allem, die Schrumpfung der Welt auf das eigene Maß.

 

Der Punkt ist: Es hilft nicht, zu jammern. Das Alte lässt sich nur überwinden, wenn das Neue mit Strahlkraft, Schönheit, Überzeugung und Wucht kommt, wenn klar ist, dass es sich lohnt, aufzubrechen, Gewissheiten hinter sich zu lassen, mitzumachen. Ideen sind Arbeit. Ideen sind auch aufregend. Ideen sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Sie sind auch Alltag, sie sind notwendig, sie sind unerlässlich für ein Leben, das sich verändert, mit anderen, mit den Zeiten. Ohne Ideen sterben wir, langsam, fast unmerklich. Ich jedenfalls will das nicht.

Zur Person:

Georg Diez ist Journalist und Buchautor. Er ist Mitbegründer der School of Disobedience, war Kolumnist für Spiegel Online und Nieman Fellow in Harvard. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Das andere Land. Wie unsere Demokratie beschädigt wurde und was wir tun können, um sie zu reparieren“. Diez ist Ideengeber und Redakteur des Onlinemagazins was wäre wenn ...

 

 

WAS WÄRE WENN – Das Ideenmagazin

Eine offene Gesellschaft braucht Ideen, um sich weiterzuentwickeln: darum geht es bei unserem Online-Magazin was wäre wenn. Wir öffnen den utopischen Raum – zukunftsorientiert, konstruktiv, experimentell. Mit jeder Ausgabe werfen wir auf eine neue Frage auf: Was wäre, wenn es keine Gefängnisse gäbe? Was wäre, wenn Bahnfahren nichts mehr kostet? Was wäre, wenn Städte gut für das Klima wären? Mehr unter: www-mag.de

 

Aufstand der Ideen: Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Jochen Bittner (DIE ZEIT), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung), Sham Jaff (what happened last week) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit).