Den Konservativen gehört die Zukunft

Um das Bewährte zu bewahren, müssen wir unser Verhalten tiefgreifend ändern. Das klingt für Konservative erst mal paradox. Doch könnten gerade sie es sein, die das Vertraute mit dem Neuen vereinen.

von Ruprecht Polenz

Was ist heute konservativ? In der Ursprungsbedeutung des lateinischen conservare geht es ums Bewahren. Das Bewährte bewahren beschreibt allerdings nicht eine Eigenschaft, sondern formuliert eine Aufgabe. Die Bewahrung der Schöpfung, so der Begriff aus dem konziliaren Prozess der katholischen Kirche, sollte heute im Mittelpunkt konservativen Denkens und Handelns stehen. Der 29. Juli war 2019 der Tag, der uns allen diese Dringlichkeit vor Augen geführt hat. An diesem Tag war das weltweite Ressourcenbudget der Menschheit für 2019 aufgebraucht. Mehr kann die Erde im ganzen Jahr nicht erneuern. 2018 stand der Earth Overshoot Day noch drei Tage später im Kalender. 

Das konservative Paradoxon

Wenn wir eine lebenswerte Erde erhalten wollen, müssen wir unser Verhalten tiefgreifend ändern – für konservatives Denken ein Paradoxon. Das ist nicht nur ein Appell an jede und jeden Einzelne*n, sondern vor allem eine Aufgabe der Politik. Sie muss die richtigen Vorgaben für Erzeugung und Verbrauch machen, damit unser Leben nachhaltig und letztlich global verallgemeinerungsfähig wird. Die Familie und das Wohlergehen der Kinder und Nachgeborener sind wichtige konservative Werte. „Sie sollen es einmal besser haben als wir“ –  dieses Ziel setzt voraus, dass es gelingt, die Erderhitzung bis 2050 auf maximal zwei Grad gegenüber 1990 zu begrenzen. Gelänge das nicht, würde die Erde ein ganz anderer Ort als heute. Die Klimaforschung hat den Einfluss menschlichen Handelns auf die steigenden Temperaturen und die Rolle des Treibhausgases CO₂ nachgewiesen. Schaffen wir die Ziele der von 196 Staaten unterzeichneten Pariser Klimaschutz-Konvention nicht, drohen Überschwemmungen und Dürren, Hitzewellen und Hurrikans. Neue Verteilungskämpfe und erzwungene Migration bisher ungeahnten Ausmaßes werden die Folge sein. Dank der weltweiten Fridays-for-Future-Bewegung sehen immer mehr Menschen die Dringlichkeit von Klimaschutz. Wahlen sind zu Klimawahlen geworden. Es sind konservative Ziele, die Fridays-for-Future verfolgt. Es sind gewaltige Veränderungen unserer Lebensweise erforderlich, damit die Ziele erreicht werden können. Gerade Konservative sollten Vorreiter beim Klimaschutz sein.

Autoritäre Systeme sind nicht schneller

Konservative sollten auch bei diesem Thema darauf bestehen, dass wir die Ziele demokratisch erreichen müssen. Zwar ist das Zwei-Grad-Ziel physikalisch vorgegeben und politischen Kompromissen nicht zugänglich, wenn die katastrophalen Folgen vermieden werden sollen. Aber über die richtigen Wege kann und muss demokratisch gestritten werden. Konservative haben allen Grund, jeder Form von Autoritarismus eine klare Absage zu erteilen, – auch, wenn manche glauben, der Zweck der Ökologie rechtfertige autoritäre Mittel. Ja, die Zeit drängt. Aber autoritäre Systeme sind nur scheinbar schneller. Demokratien haben sich als anpassungsfähiger erwiesen. Presse- und Wissenschaftsfreiheit, organisierte Opposition und regelmäßige Wahlen helfen demokratischen Gesellschaften, zu lernen, Irrwege zu erkennen und zu korrigieren. Nur demokratische Staaten sind wirklich so stark, wie Konservative den Staat haben wollen. Denn sie stützen sich auf das Recht und auf die Zustimmung der Mehrheit. Autoritäre Staaten müssen viel von ihrer Kraft darauf verwenden, Gefolgschaft zu erzwingen. 

Besondere Hoffnungen

Digitalisierung und Miniaturisierung verändern unsere Lebens- und Arbeitswelt. Die Veränderungsgeschwindigkeit hat seit der Industrialisierung ständig zugenommen. Künstliche Intelligenz (KI) wird die Veränderung unserer Lebensbedingungen weiter beschleunigen. Konservative sollten daher darüber nachdenken, wie wir diese Veränderungsprozesse steuern können, statt ihnen als bloße Objekte ausgeliefert zu sein. Beim Auto brauchen wir auch die Bremsen, um es sicher steuern zu können. Aber lassen sich technologisch getriebene Veränderungen überhaupt abbremsen? Und selbst, wenn das in Deutschland gelingen sollte: Wir leben in einer globalisierten Welt. KI-Anwendungen, die wir verbieten, weil wir sie für unmoralisch halten, werden anderswo zur Anwendung kommen und trotz räumlicher Entfernung auf uns Einfluss haben. Menschen fühlen sich zunehmend überfordert. Sie haben Sorge, mit den Veränderungen nicht mehr Schritt zu halten. Sie setzen besondere Hoffnungen in die Konservativen, weil sie erwarten, dass Bewährtes nicht einfach durch neue Technologien zerstört wird. Um den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren, möchten sie sich an Vertrautem festhalten können. Wenn Konservative diese Erwartungen in Einklang bringen können mit den notwendigen und unvermeidbaren Veränderungen, gehört ihnen die Zukunft.

Zur Person:

 

Ruprecht Polenz ist ehemaliger Generalsekretär der CDU und zwar zwischen 1994 und 2013 Bundestagsabgeordneter für Münster. 

 

Hinweis: Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur kritischen und vielstimmigen Debatte aktueller Fragen der offenen Gesellschaft beitragen.

Aufstand der Ideen: Das Printmagazin

Dieser Text ist eine Veröffentlichung aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Jochen Bittner (DIE ZEIT), Cesy Leonard (Zentrum für Politische Schönheit), Sham Jaff (what happened last week) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit). Du kannst das Magazin jetzt schon vorbestellen – per Mail mit deiner Postadresse an: magazin@die-offene-gesellschaft.de. Gerne schicken wir dir kostenfrei ein Exemplar zu. Solange der Vorrat reicht.