Europa braucht gute Geschichten

In EU-Debatten geht es meist um Fakten, Geld und Krisen. Was Europa fehlt, sind persönliche Stories – meint unser Mitbegründer Andre Wilkens. Mit seinem neuen Buch ruft Wilkens dazu auf, die vielen Geschichten zu erzählen, die Europa so wunderbar machen.

 

Ich habe mich entschieden: Ich schreibe eine optimistische Geschichte über Europa. Und zwar gerade jetzt, wo Europa an seine Grenzen zu kommen scheint, wo Europa zu zerfallen droht, wo die Europa-Skeptiker recht zu bekommen scheinen und ungeahnten Zulauf erhalten. Gerade jetzt scheint mir eine optimistische Geschichte notwendig, wichtig, relevant. Denn dieses, zugegeben unperfekte Europa ist das Beste, was wir in den letzten Jahrhunderten geschaffen haben. 

 

Ist das nicht an der Realität vorbei? Nein, ganz im Gegenteil. Pessimistische Bücher in schlechten Zeiten sind genauso langweilig wie optimistische Bücher in guten Zeiten. Aber pessimistische Bücher in guten Zeiten sind interessant. Sie können warnen und auf Probleme hinweisen. Oder eben ein optimistisches Buch in einer schwierigen Zeit. Es kann Mut machen, einen Denkanstoß aus einer unerwarteten Perspektive geben, daran erinnern vor lauter Problemanalyse nicht die Lösung zur vergessen. 

 

Klar, Europa hat die Krise. Diese Krise ist aber nur vordergründig eine ökonomische Krise oder eine eine sogenannte Flüchtlingskrise, im Kern ist es eine ausgewachsene Identitätskrise. Die schlechte Nachricht ist, dass sich Identitätskrisen viel schwieriger lösen lassen als ökonomische. Denn dazu braucht es neben Fakten und Zahlen auch Fingerspitzengefühl, Geduld und vor allem Vertrauen. Vertrauen in die europäische Idee und Vertrauen zwischen den europäischen Partnern. Und eine gesunde Prise Optimismus. Und an beidem fehlt es. Europa muss auf die Couch. 

Mit dem Lada nach Brüssel

Große Probleme geht man besser an, wenn man sich seine eigenen Stärken und Errungenschaften in Erinnerung ruft, denn dann stellt man fest, dass man eine ganze Menge auf der Haben-Seite hat. Das macht ein bisschen gelassener und schärft den Blick für das Wesentliche.

 

Und wir haben Europa viel zu verdanken. Frieden, Freiheit, ein gutes Leben fast ohne Grenzen, eine positive Utopie nach dem Mauerfall. Deshalb bin ich ein Fan von Europa. Und ich will etwas tun, damit Europa aus seiner Midlife Crisis herauskommt.

 

Ich versuch's mit Geschichten erzählen. Von Europa, von Menschen in Europa, von mir. Nicht abstrakt, sondern selbst erlebte. Vor 25 Jahren bin ich in einem alten Lada nach Brüssel gefahren, um für die EU zu arbeiten. Ich bin von da an zwanzig Jahre in Europa unterwegs gewesen, habe in Brüssel gearbeitet, in London studiert, in Italien gelebt und in Genf beim UN-Flüchtlingswerk gearbeitet. Vor sieben Jahren bin ich mit meiner englisch-deutschen Multikulti-Familie nach Berlin zurückgekehrt. Und das ist es doch eigentlich: Dass Europa nicht nur die Geschichte von Leuten wie Helmut Schmidt und Charles de Gaulle ist, sondern auch von Leuten wie Dir und mir.

Teilen wir unsere Stories

Meine Europa Geschichte ist keine große oder gar finale Zustandsbeschreibung eines allwissenden Fachmanns, der auf alles Antworten weiß, bevor überhaupt die Frage gestellt ist, sondern eine Wunderkammer, bestehend aus zahlreichen kleinen zunächst unaufgeregt erscheinenden Geschichten und Begebenheiten, die helfen sollen, Europa wieder verstehen und vielleicht sogar lieben zu lernen. Herausgekommen ist eine optimistische und unterhaltsame aber auch kritische Bestandsaufnahme Europas. Ein Plädoyer für pragmatischen Optimismus. Aber mit Leidenschaft.

 

Denn ich glaube, dass die Story Europas neu erzählt werden muss, besser, spannender, moderner, persönlicher, im Guten wie im Bösen, mit Höhen und Tiefen, mit Liebe und Gewalt. Mit all den Zutaten, die gute Storys auszeichnen. Ohne Geschichten verblasst Geschichte, oder wird langweilig, oder die falsche Geschichte setzt sich durch, weil die andere Geschichte nicht erzählt wurde, oder nur schlecht. Wir müssen die Geschichten Europas mehr erzählen, besser, überzeugender, anders, überraschender. Mit seinen Höhen und Tiefen, Helden und Bösewichten, so wie echt gute Geschichten eben.

 

Die Idee, sich Europa über persönliche Geschichten anzunähern, möchte ich gerne weitergeben. Denken wir Europa mal nicht als abstraktes Bürokraten Ungetüm, sondern als etwas persönliches, als Teil unserer Lebenswege, als unser Dorf. Suchen wir Europa im Freundeskreis, in der Familie, im Stadion, im Konzert, beim Barista, in der Kneipe, in der Playlist auf unserem Smartphone. Die Story Europas besteht aus vielen kleinen europäischen Geschichten!  Erzählen müsst ihr sie aber selber.

Hinweis: Andre Wilkens neues Buch „Der Diskrete Charme der Bürokratie. Gute Nachrichten aus Europa“ (S. Fischer Verlag) ist seit dem 23. März im Buchhandel.

 

Zum Autor:
Andre Wilkens ist Autor und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft. Er beschäftigt sich mit Europa und unserem wunderbar verrückten digitalen Leben, hat für   die EU, die UNO, für internationale und deutsche Stiftungen gearbeitet. Wilkens lebt mit seiner deutsch-britischen Familie in Berlin.

 

Titel-Foto: March for Europe in Berlin, @ Mirko Lux