Fastfood-News machen unglücklich

Die immer gleichen Lagerkämpfe, die halbgaren Informationen und Gerüchte –  mit dieser medialen Endlosschleife lässt sich viel Zeit verschwenden. Der Journalistik-Professor Tanjev Schultz mit einem Plädoyer für eine ausgewogene Nachrichtendiät.

Brennt es eigentlich noch im Amazonas? War das nicht gerade erst ein Riesenthema –  was ist daraus geworden? Hungern die Menschen im Jemen? Die Fülle wichtiger Themen und Probleme auf der Welt kann uns schnell überfordern, intellektuell und emotional. Manche sehen ihr Heil darin, sich allen Nachrichten zu verweigern. Wie die drei Affen: Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Hinein ins zweifelhafte Vergnügen eines neuen Biedermeiers! Kann das die Lösung sein?

 

Der Autor Rolf Dobelli rät zu einer „News-Diät“. Die meisten Nachrichten würde man ohnehin gleich wieder vergessen. Und wenn nicht, würden sie dazu beitragen, eine verzerrte „Risikokarte“ im Kopf zu zeichnen. Tatsächlich haben Wissenschaftler*innen wie Hans Rosling (Autor des Buches „Factfulness“) gezeigt, dass viele Menschen Risiken und Probleme systematisch überschätzen. Fortschritte und Erfolge werden dagegen unterschätzt. Die Ursache dafür liegt in grundlegenden psychologischen Mechanismen, aber auch im Fokus, den Journalist*innen auf die Welt richten. Katastrophen sind stets ein großes Ding. Was gut funktioniert, nicht unbedingt. Was langsam läuft, kompliziert und multikausal ist, wird im medialen Strom glattgeschliffen. Übrig bleiben eingängige Bilder und einfache Wahrheiten.

 

Doch ist dieses Bild nicht ebenfalls zu simpel? Gibt es nicht jede Menge Beispiele für hervorragenden Qualitätsjournalismus, der sich bemüht, komplexe Themen aufzuspüren und sowohl verständlich als auch differenziert aufzubereiten? Die Beiträge zu internationalen Finanzgeschäften, wie sie in den Panama Papers oder in den Cum-Ex-Files aufgedeckt worden sind, sind hierfür Beispiele. Wer kann die Details wiedergeben? Vermutlich wenige. Aber darauf kommt es nicht unbedingt an. Es geht nicht darum, dass das Publikum alles behält und in allen Details und bei allen Themen auf dem gleichen Stand ist wie Expert*innen und jene Journalist*innen, die tiefer bohren. Es geht darum, dass das Publikum darauf vertrauen kann, dass Angelegenheiten von öffentlichem Interesse erkannt und sachkundig behandelt werden. Und dass die gelieferten Informationen die Grundlage bilden für vernünftige Debatten, Proteste, Veränderungen.

Ausgewogener News-Verzehr

In einer Welt der Reizüberflutung sind gute und verlässliche Informationen ein besonders wertvolles Gut. Das Gerede von der „News-Diät“ hat dann seinen Sinn, wenn damit gemeint ist, dass die Bürger mehr denn je Wege finden müssen, das Richtige zu konsumieren. Wo finden wir, um im Bild zu bleiben, die nahrhaften Beiträge? Was ist nur Fastfood, das auf Dauer dick und traurig macht? Viel Zeit kann damit verschwendet werden, die immer gleichen, in Endlosschleife laufenden Lagerkämpfe, halbgaren Informationen und Gerüchte zu verfolgen. Den Sonntagsreden zur Medienkompetenz müssten montags also endlich Konsequenzen folgen. Der Umgang mit Informationen ist ja tatsächlich eine der Schlüsselqualifikationen in der (digitalen) Demokratie. Wenn wir von Schüler*innen verlangen, dass sie Goethes „Faust“ lesen, können wir dann nicht auch verlangen, dass sie dauerhaft eine gute Zeitung lesen und darüber jede Woche in der Schule sprechen? Sofort kommen die Einwände: Würde dieser Zwang nicht eher abschrecken? Bei Goethe oder der Bruchrechnung lassen wir dieses Argument nicht gelten.

Dunkle Mächte

Aus einer Studie, die der Autor mit Kollegen der Uni Mainz erstellt hat, ergibt sich: Mehr als jeder vierte Bürger in Deutschland weiß nicht, dass der Staat keineswegs darüber bestimmt, ob jemand Journalist*in werden darf. Fast genauso viele haben keine oder die falsche Antwort auf die Frage parat, ob Journalistinnen und Journalisten hierzulande jeden Beitrag vorher von Behörden prüfen lassen müssen. Kein Wunder, wenn bei diesen Menschen auch das Vertrauen in die Medien geringer ist als bei anderen. Mittlerweile nehmen Journalist*innen die Aufklärung selbst in die Hand. In Bayern beispielsweise pilgern diverse Redakteure in Hunderte Schulen, um über ihren Beruf und über guten Journalismus zu sprechen. Blätter wie die Zeit oder die Süddeutsche Zeitung organisieren Debatten mit Leser*innen und versuchen, konstruktive Diskussionen zwischen Menschen anzuregen, die unterschiedliche Positionen vertreten. Solche Foren können helfen, die Demokratie zu revitalisieren.

So weit, so schlecht – und was nun?

Der Journalismus muss auch seine eigenen Muster und Routinen überprüfen. Kann er mehr dafür tun, dass Wichtiges präsent bleibt und nicht als Hype verpufft? Kann er auf Lösungen und auf Fortschritte hinweisen, ohne dabei die Welt schöner zu malen, als sie ist? Dafür tritt eine Bewegung von Journalist*innen und Wissenschaftler*innen ein, die einen „konstruktiven Journalismus“ fordert. Es gibt wenige Publikationen wie Perspective Daily, die sich ganz dieser Idee verschrieben haben. Aber der Impuls zieht Kreise. Etliche Redaktionen –  von der Sächsischen Zeitung bis zum NDR –  haben bereits versucht, ihre Arbeit so zu verändern, dass sie nicht nur Probleme aufgreifen, sondern auch Wege, mit ihnen umzugehen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der konstruktive Journalismus tatsächlich dazu beitragen kann, eine übertrieben negative Weltsicht zu verhindern und die Bürger*innen darin zu bestärken, lösungsorientiert zu denken und sich demokratisch zu engagieren.

Starke Redaktionen for the win

Es kommt nicht darauf an, mit welchem Slogan Journalist*innen ihre Arbeit verbessern. Hauptsache, es geschieht. Viele gesellschaftliche Herausforderungen sind nicht nur von Politiker*innen zu spät erkannt worden. Auch die Medien waren nicht die Agilsten, als es darum ging, rechtzeitig vor der Finanzkrise von 2008 zu warnen. Oder vor der akuten Wohnungsnot heute.

 

Doch der beste Wille hilft wenig, wenn die Bedingungen, unter denen er sich entfalten soll, zu widrig sind. Die Strukturkrise, in der die Medienhäuser stecken, ist keine Entschuldigung für alles. Sie führt aber zur Frage, ob es auch in Zukunft noch genügend starke Redaktionen geben wird, in denen sorgfältiges Recherchieren wichtiger ist als das kurzfristige Aufnehmen und Anheizen von Stimmungen. Vor allem auf der lokalen Ebene –  dort, wo jede Demokratie ihr Zuhause hat –  sieht es schon ziemlich düster aus. Zeitungen verschwinden. Was gedruckt wird, stirbt, lebt nicht überall digital weiter. Was wäre, wenn eine Gesellschaft dauerhaft ohne seriösen Journalismus auskommen müsste? Schwarzmalen bringt ebenso wenig wie naiver Optimismus. Es ist auch hier eine Frage des Handelns und Gestaltens. Bürger*innen, greift zu euren Zeitungen!

Zum Autor

Tanjev Schultz ist Professor für Journalismus an der Universität Mainz. Er war viele Jahre Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethe-Medienpreis und dem Universitas-Preis für Wissenschaftsjournalismus.

 

 

 

Aufstand der Ideen - Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week).