"Ganz oder gar nicht"

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. In unserem Fall sind es Geschichten von zivilgesellschaftlich Engagierten, die unsere Deutschland-Tour #InBewegung im ganzen Land erst ermöglicht haben. Besonders beeindruckt hat uns Maria Wischeropp. Neben ihrer Arbeit setzt sie sich ehrenamtlich für die BürgerStiftung Erfurt ein. Warum macht sie das?

Statt politischer Mutlosigkeit brauchen wir einen Zeitgeist des konstruktiven Gestaltens. 2019 waren wir mit einer interaktiven Ausstellung und Ideenlaboren in zehn Städten und auf Festivals unterwegs, auch im thüringischen Erfurt. Möglich machten das viele lokale Partner, besonders die BürgerStiftung Erfurt, für die sich Maria Wischeropp engagiert.

"Jetzt rattert es im Kopf"

Du hast das Programm für „Die offene Gesellschaft in Bewegung Erfurt“ maßgeblich mitorganisiert. Deine erste Mail bekamen wir an manchen Tagen um fünf Uhr morgens, die letzte um zwölf Uhr nachts. Brennst du immer so für die Sache?

 

Maria Wischeropp: Ich bin so jemand: Entweder ganz oder gar nicht.

 

Andere Leute schauen in ihrer Freizeit Netflix oder machen Party. Du verbringst sie größtenteils damit, dich ehrenamtlich zu engagieren. Warum?

 

Maria Wischeropp: Für mich ist das selbstverständlich. Ich habe das nie hinterfragt. Ich habe große Freude daran, Menschen darin zu ermutigen, ihre Ideen und Projekte umzusetzen. Mir hat manches Mal jemand gefehlt, der einfach sagt: Trau dich, probier’s doch einfach mal aus. Wenn ich für andere genau diese Person sein kann, bin ich glücklich.

 

Was sind besondere Momente in deinem Engagement?

 

Maria Wischeropp: Wenn du den Leuten in die Augen schaust und du merkst, jetzt rattert es im Kopf. Wenn die Leute begreifen, dass sie etwas bewegen können.

 

Im Herbst 2018 warst du in Berlin beim Planungsauftakt der Tour dabei. Zu diesem Zeitpunkt stand nur das grobe Konzept. Was hast du damals gedacht?

 

Maria Wischeropp: Ganz ehrlich? Mein erster Gedanke war: Ich räume mir mal besser komplett den Juli und August im Terminkalender frei. Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu. Und ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut, dass ihr Erfurt als Station eingeplant habt. Und letztlich lief dann alles noch viel besser, als ich mir das vorgestellt hatte. Durch die offene Gesellschaft haben wir auch als BürgerStiftung mehr Sichtbarkeit in Erfurt bekommen. Wir wollen in Zukunft der Ansprechpartner für das bürgerschaftliche Engagement in der Stadt sein.

 

Was bleibt dir in Erinnerung?

 

Maria Wischeropp: Die Vielfalt des Programms. Mit über 30 Veranstaltungen gab es für die unterschiedlichsten Gruppen einen Zugang zum Thema. Beim Feet-Up-Yoga fand zum Beispiel buchstäblich ein Perspektivwechsel statt. Auch die Abschlussdebatte „Welches Erfurt wollen wir sein?“ war toll. Wir hatten ein wenig Sorge, dass die Leute sich nicht beteiligen würden. Diese Sorge war dann völlig unbegründet, denn die Menschen freuen sich, ihre Ideen zu teilen – auch auf großer Bühne.

Formate auf Augenhöhe

Sollte es so eine Debatte öfter geben?

 

Maria Wischeropp: Bei der Debatte waren unerwartet viele Stadträte dabei. Es ist wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger sehen, dass die Politikerinnen und Politiker selbstverständlich auch nur Menschen sind, denen Erfurt am Herzen liegt. Das baut manche Vorurteile gegenüber der Verwaltung ab. Es muss weiterhin Formate geben, wo man sich auf Augenhöhe begegnen und miteinander ins Gespräch kommen kann. Es wurde auch schon der Wunsch laut, in Zukunft jedes Jahr eine Woche der offenen Gesellschaft zu veranstalten.

 

Wie geht es jetzt mit den gesammelten Ideen und Vorschlägen für Erfurt weiter?

Maria Wischeropp: Wer mag, meldet sich ganz einfach bei der BürgerStiftung, und gemeinsam finden wir einen Weg zur Umsetzung. Die Ideengeber*innen können sich aber auch bei unserem Erfurter Spendenparlament um finanzielle Unterstützung ihrer Projekte bewerben. Das Spendenparlament ist ein Konzept, das wir als BürgerStiftung aufgegriffen haben. In Städten wie Hamburg gibt es das schon seit den 1990er-Jahren.

 

Wie funktioniert das?

 

Maria Wischeropp: Mit einer Spende von mindestens 50 Euro können alle Parlamentarier*in werden. Das Parlament kommt einmal im Jahr zusammen und entscheidet, welche gemeinnützigen Projekte es in der Stadt finanziell fördern will und mit welcher Summe. Dafür reichen die Bürger*innen einen kleinen Förderantrag ein, der aber sehr einfach gehalten ist. Die Schwelle für einen Antrag ist bewusst niedrig. Man muss beispielsweise kein eingetragener Verein sein. Maximal können 2.000 Euro beantragt werden. Doch es geht nicht nur ums Finanzielle. Wenn das Spendenparlament über die Projekte berät, ergeben sich oft auch andere Dinge. Manche Projekte brauchen einfach ehrenamtliche Mithilfe oder die richtigen Kontakte.

 

Hinweis: Hier findest du alle Informationen zu "Die offene Gesellschaft in Bewegung". Den Themenüberblick und konkrete Utopien, die wir bei dieser Tour gesammelt haben, findest du auf unserer Ideenwebseite.