"An Ideen mangelt es wirklich nicht"

Finsterwalde – da denken manche an Sängerstadt und Lausitzer Seenland, andere an Strukturwandel und „Dunkeldeutschland“. Mit "Die offene Gesellschaft in Bewegung" waren wir dort und fragten mitten auf dem Marktplatz nach Forderungen und Ideen. Hat das was bewirkt? Ein Gespräch mit Bürgermeister Jörg Gampe (CDU).

Statt politischer Mutlosigkeit brauchen wir einen Zeitgeist des konstruktiven Gestaltens. 2019 waren wir mit einer interaktiven Ausstellung und Ideenlaboren in zehn Städten und auf Festivals unterwegs. Das Ergebnis: mehr als 1.400 Ideen von Bürger*innen und Bürgern, die wir mit einer eigenen Webseite vorstellen. Eine der Stationen: die 16.000-Einwohner-Stadt Finsterwalde im Süden Brandenburgs. Wir haben Bürgermeister Jörg Gampe (CDU) gefragt, wie er das Projekt vor Ort erlebt hat.

"Wir sollten das anpacken"

Ein neuer Wasserspielplatz, ein offener Coworking-Space, mehr soziale Teilhabe – wir haben in Finsterwalde richtig viele Ideen eingesammelt. Haben Sie als Bürgermeister noch etwas Neues über Ihre Stadt gelernt?

 

Jörg Gampe: Erstmal: Ich bin hier in Finsterwalde geboren und groß geworden, deswegen bin ich immer sehr beherzt und emotional bei Diskussionen über unsere Stadt dabei. Der Austausch macht mir einfach großen Spaß. Was mich als Bürgermeister überrascht hat, aber vor allem sehr gefreut hat: Die Bürgerinnen und Bürger wollen noch mehr zum Mittun aufgefordert werden. Sie machen jetzt schon viel. Jedes Frühjahr machen zum Beispiel rund 300 Freiwillige unser Freibad sauber, damit für die Kinder im Sommer alles schick ist. Aber die Diskussionen haben mir gezeigt: Da geht noch mehr. Die Bürgerinnen und Bürger haben richtig viele Vorschläge und Ideen für Finsterwalde. Das freut mich sehr.

 

Gibt es Ideen, die Sie nun weiterverfolgen?

 

Jörg Gampe: Wir werden zum Beispiel die Idee eines Wasserspielplatzes prüfen. Wenn da die Unterstützung aus der Bürgerschaft da ist, bin ich zuversichtlich, dass wir das auch umsetzen können. Und die Diskussion hat uns auch noch mal darin bestärkt, ein Bürgerbudget einzurichten.

 

Was hat es damit auf sich?

 

Jörg Gampe: Bürgerbudgets gibt es in einigen größeren Städten schon länger, und wir hatten das innerhalb der Stadtverordnetenversammlung auch schon mal diskutiert. Wir wollen ein jährliches Budget von 25.000 Euro zur Verfügung stellen, mit dem wir Projekte von Bürgerinnen und Bürgern umsetzen können. Egal, ob das nun ein Kinderfest ist, eine neue Parkbank oder eine Pflegepatenschaft für eine Blühinsel. Und jetzt haben wir noch mal gesehen: An Ideen mangelt es wirklich nicht. Wir sollten das anpacken.

 

Würden Sie sagen, der enge Kontakt und Ideenaustausch zwischen der Bürgerschaft und der Politik kann unsere offene Gesellschaft gegen antidemokratische Tendenzen stärken?

 

Jörg Gampe: Ja. In Finsterwalde haben wir es geschafft, eine breite Allianz zu schmieden, vom Fußballverein bis zur Sparkasse. So konnte der Rechtsextremismus hier nie so richtig Fuß fassen. Wir haben hier einfach einen pragmatischen Umgang mit den Herausforderungen gefunden und uns nicht auf populistische Hetze eingelassen.

Bürger*diskussion im Rathaus Finsterwalde.

"Die Klischees treffen nicht zu"

Die Zivilgesellschaft in Finsterwalde hat ein großes Programm rund um die Tour organisiert, darunter ein Marktplatzgespräch mit Geflüchteten. Wie erleben Sie in Finsterwalde die Asyldebatte, die das Land oft spaltet?

 

Jörg Gampe: Wir haben damals, Ende 2015, als viele Geflüchtete nach Finsterwalde kamen, innerhalb weniger Tage und Wochen ein Netzwerk aus Initiativen und Vereinen, Privatpersonen und Firmen gebildet. All diese Menschen haben zusammen geholfen und uns in der Aufnahme der Geflüchteten unterstützt. Das Engagement von so vielen zu erleben, war unglaublich schön. Das hat noch einmal gezeigt, wie offen Finsterwalde ist. Die Stadt hat sich durch Menschen ausgezeichnet, die mittun, statt zu meckern. Und das ist heute noch so. Insofern hat die Aufnahme der Geflüchteten und die Integration – die natürlich nicht von heute auf morgen klappt, sondern Stück für Stück passiert – sehr gut funktioniert.

 

Nervt es Sie eigentlich, wenn in der bundesweiten Debatte mit Blick auf Ostdeutschland von „Dunkeldeutschland“ die Rede ist?

 

Jörg Gampe: Sicherlich ärgert einen das – eben, weil wir das hier in der Region ganz anders erleben. Die Begegnungen vor Ort beweisen, dass die Klischees, die es von der Region oder von ganz Ostdeutschland gibt, nicht zutreffen. Zudem glaube ich, dass wir den Heimatbegriff nicht den Populistinnen und Populisten überlassen dürfen. Heimat ist immer da, wo man zu Hause ist, wo man sich durch Familie und Freundeskreis geborgen fühlt. Dieses Gefühl dürfen wir uns nicht wegnehmen lassen. Insofern können wir stolz auf unsere Region und auf Finsterwalde sein, wenn man sieht, wie sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Wer von „Dunkeldeutschland“ spricht, sollte einfach mal herkommen und es sich anschauen.

 

Hinweis: Hier findest du alle Informationen zu "Die offene Gesellschaft in Bewegung". Den Themenüberblick und konkrete Utopien, die wir bei dieser Tour gesammelt haben, findest du auf unserer Ideenwebseite.