Im Panikmodus rettest du nicht die Welt

Für den Weg ins post-fossile Zeitalter braucht es Vorstellungskraft. Gesellschaftliche Utopien wirken nur, wenn wir daraus plausible Erzählungen machen. Von Alexander Carius.

Die Ambitionslosigkeit des von der Bundesregierung im Oktober 2019 vorgelegten Klimapaketes hat viele Gründe. Monatelang wurde verhandelt, aber wie so oft wurde ein Kompromiss erst in einer Nachtsitzung verabschiedet, in der wahrscheinlich niemand mehr die Augen offen halten konnte. Morgens um vier rettest du nicht die Welt und im Panikmodus trifft man erfahrungsgemäß weder rationale noch gute Entscheidungen. Dabei wurde unter den historisch günstigsten politischen Bedingungen verhandelt.

 

Kommunen rufen den Klimanotstand aus. Unternehmen fordern eine wirksame CO2-Bepreisung. Auf der Straße machen Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen seit einem Jahr mächtig Druck und im Schlepptau der Fridays-for Future-Bewegung formieren sich Eltern, Omas, Künstler, Christen, Unternehmen und natürlich Wissenschaftler. Sie sind die neuen Stars der Medien. Jeden Tag präsentieren sie neue Fakten, nachgerechnet mit immer besseren Modellen und Daten, dokumentieren sie das Ausmaß der Klimakatastrophe. Das Klimakabinett wurde mit Konzepten und Berechnungen versorgt, wie Klimaschutz wirksam durchgesetzt und sozialer Ausgleich geschaffen wird. Wenn alles so klar ist, dann müsste man doch auch politisch angemessen auf die Klimakrise reagieren.

 

Geholfen hat all das nichts, die Wende blieb aus. Der Planet brennt – und wir streiten über ein paar Cent mehr für einen Liter Benzin. Die Einsicht, dass Klimaforschung und Protestbewegung gemeinsam kaum eine politische Wirkung jenseits wohlfeiler Worte haben, ist für beide Seiten eine schmerzliche Erkenntnis.

Politik in der Schockstarre

Dabei droht keine Klimakrise, sie ist längst da: Das antarktische Eisschild schmilzt, in Sibirien und Alaska brennen die Wälder, und Hitzesommer, Dürren und Starkregen sind das neue Normal. Bilder und Rhetorik der Klimakrise haben in den letzten Monaten ein derart apokalyptisches Bild des Planeten gezeichnet, dass sie streikende Kinder nicht mehr schlafen lassen. „I want you to panic!“, war der Weckruf von Greta Thunberg. Das hat gewirkt, die Politik verfällt in eine seltsame Schockstarre. Man wird den Eindruck nicht los, als stoße der gegenwärtige Modus politischer Steuerung an seine Grenzen – und vielleicht ist er einfach nicht mehr geeignet, um Krisen und gesellschaftliche Transformationsprozesse solchen Ausmaßes zu bewältigen.

 

Seit Jahren ist es fünf vor zwölf – und 2020 muss spätestens die Wende kommen, sonst können wir die Welt nicht mehr retten. Maximal 1,5 Grad Erderwärmung bedeuten, in den kommenden neun Jahren nicht mehr als 400 Gigatonnen CO2 zu emittieren, dann ist unser CO2-Budget erschöpft. Unablässig tickt diese verdammte CO2-Uhr. Die Erlösung heißt –  je nachdem, wen man fragt –  „Netto-Null“ bis 2050 oder 2035. Als seien individuelles Glück, Zufriedenheit und Vertrauen in die Politik primär daran zu messen, wie effektiv wir Emissionen reduzieren. Wer diese Tonnenideologie übersetzt, landet unmittelbar bei Verzichtsethik und Verbotspolitik. Für beide Seiten ist das frustrierend. Klimaaktivistinnen und Klimapolitikern geht alles nicht weit genug. Den Bremsern aus dem fossilen Zeitalter geht alles viel zu schnell und zu weit. In der Debatte um die Vermeidung der Klimakrise verhärten sich Fronten und Sprache und ersticken die notwendige Auseinandersetzung darüber, was uns guttut.

Der Weg ins post-fossile Zeitalter

Die Transformation ins post-fossile Zeitalter ist der Megatrend dieses Jahrhunderts, nicht erst, seit Greta Thunberg Wichtigeres zu tun hat, als die Schulbank zu drücken. Aber über die Zukunft entscheiden auch zwei nicht weniger bedeutende Entwicklungen: die Digitalisierung unseres Alltags und die Fragmentierung unserer Gesellschaft.

 

Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz werden Industrie und Gesellschaft grundlegend verändern. Sie werden bestimmen, wie wir arbeiten und womit wir Geld verdienen. Viele Berufe werden verschwinden, manche neu entstehen, und wer sie ausübt, ist unklar. Wie diese digitale Zukunft aussieht und zukunftstauglich und menschenwürdig gestaltet werden kann, ist weitgehend unbekannt. Dabei müssten gerade die Protagonisten der Klimapolitik, Regierung und Parteien, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen, genau darauf eine Antwort haben, wenn das Ziel nicht Klimaschutz, sondern Transformation ins postfossile Zeitalter ist.

 

Die zweite Entwicklung ist die zunehmende Fragmentierung von Gesellschaften und das weltweite Erstarken des Nationalismus. Das Vertrauen in Multilateralismus und kooperatives Handeln schwindet, und Europa ringt weiterhin um eine europäische Identität und demokratische Verfasstheit. Innerhalb vieler Gesellschaften erodiert die Praxis von Solidarität und Gemeinwohl, weil nicht nur Arm und Reich auseinanderdriften, sondern auch Haltungen und grundlegende Überzeugungen zwischen liberaler Demokratie und Autoritarismus in ihren unterschiedlichen Spielformen vehement aufeinanderprallen. Diese zunehmende Fragmentierung erschwert die Gestaltung eines grundlegenden transformativen Wandels. Strittig ist ja nicht das Ziel des post-fossilen Zeitalters, sondern wie wir diesen Prozess über Jahrzehnte organisieren, die Geschwindigkeit des Wandels, seine Radikalität und die Einschätzung dessen, was Bürgerinnen an Veränderungen zumutbar ist.

Zukunftsbilder müssen Neugierde wecken

Für jeden von uns wird sich die Art und Weise ändern, wie wir uns fortbewegen, was wir essen, auf welcher Fläche wir wohnen, wie und wohin wir verreisen und ob wir zukünftig noch Einkommen generieren. Genau diese Überlegungen fehlen aber in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatte zum Klimaschutz, nämlich die kollektive Übung darin, sich selbst und das gesellschaftliche Zusammenleben in einer post-fossilen und digitalisierten Zukunft vorzustellen. Wenn politische Akteure eine Zukunft propagieren, die emissionsfrei und digitalisiert ist, muss Politik jenseits quantitativer Emissionsziele und diffuser Zukunftsprojektionen eines digitalen Zeitalters diese Zukunft auch beschreiben, sonst kann sie für ein solches Gesellschaftsprojekt nicht die notwendigen Mehrheiten organisieren. „Netto-Null“ und alles „smart“ mit „big data“ taugt nicht als Ziel einer lebenswerten Zukunft. Was verkauft denn ein Metzger in dieser Netto-Null-Welt? Gemüsebratlinge und veganes Irgendwas? Oder macht er ganz dicht? Vielleicht bestellen wir Steaks per Colour YourMeat-App in gewünschter Form, Größe und Farbe, gedruckt als In-vitro-Fleisch in 3D aus den Stammzellen der weltweit verbliebenen 60 Rinder. Das muss nicht so sein, aber es könnte eben genau so kommen.

 

Gesellschaftliche Utopien wirken nur, wenn wir daraus plausible Erzählungen machen, die Zukunftsfähigkeit in individuelle Lebensperspektiven übersetzen und jeden und jede zum Handeln ermächtigen. Diese Zukunftsbilder müssen Neugierde wecken, ermutigen, antreiben und Lust darauf machen, bei der Gestaltung solch einer lebenswerten Zukunft unbedingt mitzumachen. Das Gute daran ist ja gerade, dass Zukunft gestaltbar ist. Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, wurde hinreichend beschrieben. Skizzieren wir also eine Welt, wie wir sie uns vorstellen wollen.

Zur Person

Alexander Carius ist Vorstand und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft und Gründer und Geschäftsführer der Denkfabrik adelphi.

 

Titelbild: Fahrradbrücke in Kopenhagen. Foto: Jan Jespersen (CC BY-NC 2.0)

Aufstand der Ideen: Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung), Sham Jaff (what happened last week) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit). Du kannst das Printmagazin noch bis zum 27. Januar bei uns bestellen  per Mail mit deiner Postadresse an: magazin[at]die-offene-gesellschaft.de. Gerne schicken wir dir kostenfrei ein Exemplar zu. Solange der Vorrat reicht.