„Wir waren kurz davor, kollektiv zu kündigen"

Keine Lust, bei schlechtem Wetter rauszugehen, ein paar Klicks und zack: Jemand liefert dein Lieblingsgericht bis an die Haustür. Aber wie sind eigentlich die Arbeitsbedingungen der Lieferant*innen? Ein Gespräch mit Orry Mittenmayer, Mitbegründer der Initiative "Liefern am Limit".

Foto: Darius Ramazani / IOG

Orry Mittenmayer kämpft mit seiner Initiative Liefern am Limit für die Rechte von Kurier*innen. 2018 gründete Mittenmayer mit Kolleg*innen den deutschlandweit ersten Betriebsrat beim Lieferdienst Deliveroo. Wir haben ihn gefragt, was ihn antreibt.

 

Man hört immer wieder von schlechten Arbeitsbedingungen für Kuriere. Gab es einen bestimmten Moment, an dem du gedacht hast: Jetzt reicht’s?

 

Orry Mittenmayer: Den einen Moment gab es nicht. Es war irgendwann die Summe an Ereignissen, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben: Die wiederholte Nichtauszahlung von Gehältern, die Totalüberwachung während der Arbeitszeit und in den Pausen, die bis ins Private reinreichte.

 

Wie sah diese Überwachung aus?

 

Orry Mittenmayer: Jede*r Fahrer*in muss eine App herunterladen, die Zugriff auf das komplette Handy hat. Wenn ich mich mal fünf Minuten nicht bewegt habe, bekam ich direkt einen Anruf mit Fragen: Ob es mir gut ginge und warum ich nicht weiterfahre. Komplett eskaliert ist es dann, als ich einmal mit Freunden privat unterwegs war und auch dann einen Anruf von Deliveroo bekam. Sie würden sehen, dass ich gerade in der Nähe eines Restaurants sei und fragten, ob ich eine Order übernehmen könne. Das hat mich unfassbar wütend gemacht. Das eigene Handy überwacht mich: ein dystopischer Albtraum.

"Ich war mein Leben lang eher unpolitisch"

Woher nimmst du die Energie, dich noch zusätzlich zum harten Job zu engagieren?

 

Orry Mittenmayer: Es hat lange gedauert, bis ich die Kraft dafür hatte. Wir Kuriere in Köln waren bereits gut vernetzt, aber irgendwann alle an einem Punkt, an dem wir nur noch frustriert waren. Wir waren kurz davor, kollektiv zu kündigen. Dann brachte jemand Gewerkschaften und Betriebsräte ins Spiel –  ich war ziemlich skeptisch. Ich war mein Leben lang eher unpolitisch: Alle vier Jahre wählen gehen war in meinen Augen alles, was an demokratischer Beteiligung möglich ist. Heute weiß ich: Gewerkschaften funktionieren. Das Engagement im Betriebsrat habe ich nicht als zusätzliche Arbeit empfunden. Es hat mir Spaß gemacht, und mittlerweile ist daraus eine Überzeugung geworden. Deswegen haben wir auch Liefern am Limit gegründet.

 

Wie habt ihr es geschafft, Leute zu mobilisieren? 

 

Orry Mittenmayer: Durch den dezentralisierten Arbeitsplatz und die Überwachung über die App funktioniert eine klassische Mobilisierung nicht. Dazu kam noch die hohe Fluktuation unter den Fahrer*innen. Wir haben dann Hotspots identifiziert: Restaurants, die besonders stark frequentiert sind und wo sich viele Fahrer*innen auf einmal treffen. Wir haben unsere Auslieferungen nach Möglichkeit so gelegt, dass wir zu einer bestimmten Uhrzeit an diesen Hotspots sein konnten. So konnten wir neue Fahrer*innen kennenlernen und sie zu unseren Treffen einladen. Das Wort „Gewerkschaft“ haben wir monatelang nicht einmal in den Mund genommen. Uns war wichtig, dass wir erst einmal eine Beziehung untereinander aufbauen.

"Das nutzen Unternehmen schamlos aus"

Hast du manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?

 

Orry Mittenmayer: Als wir den Betriebsrat gegründet haben, dachte ich: Wir legen uns mit einem Riesen an. Es hat sich gezeigt, dass Deliveroo wirklich Geld investiert, um sich mit aller Macht gegen uns zu stellen. Man darf auch nicht vergessen, dass sich diese Unternehmen bewusst Leute aussuchen, die nicht einfach kündigen können. Deliveroo verkaufte das als „Selbstständigkeit“ und „Flexibilität“. In Wirklichkeit suchen sie sich einfach die Verwundbarsten aus: Menschen mit schlechter Ausbildung, kaum Deutschkenntnissen oder anderen ökonomischen Zwängen. Ich selbst wäre damals auf der Straße gelandet. Das wissen diese Unternehmen und nutzen es schamlos aus. Da ist es enorm beruhigend, eine Gewerkschaft hinter uns zu wissen. Klar hatte ich aber auch immer wieder Zweifel: Zwei Jahre zuvor hatte ich überhaupt nichts mit Politik am Hut. Das war ein echter Emanzipationsprozess, den ich da durchlaufen habe.

 

Wenn du dir eine Sache für die Demokratie wünschen könntest –  was wäre das?

 

Orry Mittenmayer: In den skandinavischen Ländern ist es ab einem gewissen Einkommen verpflichtend, Gewerkschaftsmitglied zu werden. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Für mich sind Betriebsräte und Gewerkschaften gelebte Demokratie in ihrer reinsten Form: Ohne sie hätten wir keine Versicherungen und noch immer die 48-Stunden-Woche. Ich sehe die Gewerkschaften mittlerweile als einen der wichtigsten Pfeiler der Demokratie.

 

Interview: Erik Enge

 

 

Aufstand der Ideen - Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week). Du kannst das Printmagazin noch bis zum 27. Januar 2020 bei uns bestellen  per Mail mit deiner Postadresse an: magazin[at]die-offene-gesellschaft.de. Gerne schicken wir dir kostenfrei ein Exemplar zu. Solange der Vorrat reicht.