Wohnzimmer der Stadtgesellschaft

Mit rund 9,5 Millionen Besucher*innen pro Jahr sind Bibliotheken die am stärksten besuchten Kultur- und Bildungseinrichtungen Berlins. Doch nicht nur das. Vielleicht mehr als jede andere Kultureinrichtung sind sie auch Orte der offenen Gesellschaft. Warum das so ist, darüber sprach unsere Co-Geschäftsleiterin Hannah Göppert mit Klaus Lederer, dem Berliner Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa, und Leslie Kuo, Agentin für diversitätsorientierte Öffnung bei der Stadtbibliothek Pankow.

Wo Kultur Stadt findet

“Wo kann man noch hingehen, wo man keinen Latte Macchiatio für 4 Euro kaufen muss, sondern einfach da sein kann, mit verschiedenen Leuten aus der Nachbarschaft? Einfach nebeneinander. Jeder macht sein eigenes Ding: Die Kinder spielen in der Gaming-Ecke, ich mache meine Hausaufgaben, die Nachbarin strickt.” Was Leslie Kuo beschreibt, nennt Klaus Lederer “Wohnzimmer für die Stadtgesellschaft”. Und genau das ist die Funktion, die öffentliche Bibliotheken heute erfüllen. Sie haben für alle etwas zu bieten: als lebensnahe Orte, an denen Menschen verschiedener Generationen, Milieus und Hintergründe zusammenkommen. Weil sich unterschiedlichste Menschen hier ungezwungen aufhalten, aufeinander treffen, voneinander lernen können, werden Bibliotheken im Fachdiskurs als “dritte Orte” bezeichnet und als eine Art Grundzutat für eine lebendige Demokratie angesehen. 

Ein Ort für Menschen statt für Bücher

Wissen spielt dabei natürlich auch eine Rolle, doch Bücher sind nur ein Medium neben vielen. Heute können Nutzer*innen auch digitale Kompetenzen trainieren, in der “Bibliothek der Dinge” Werkzeuge oder Instrumente ausleihen oder im Maker Space tüfteln. “Wer mal an einem Sonntag in die Amerika-Gedenk-Bibliothek geht, kann sehen, was an Begegnung, Miteinander, Socializing, Experimentieren, Ausprobieren stattfindet”, so Lederer. Die innovative, als “Bibliothek des Jahres 2019” ausgezeichnete Bibliothek am Kreuzberger Blücherplatz in Berlin soll in den kommenden Jahren erweitert werden durch einen Neubau, der Identitätsstifter für die Berliner*innen werden soll und derzeit in einem intensiven Beteiligungsprozess entsteht.  

 

Öffentliche Bibliotheken haben sich in den letzten Jahren neu erfunden, ihre Transformation ist aber keineswegs abgeschlossen. Es gibt viel zu gestalten, damit Bibliotheken relevant bleiben und dem Ideal gerecht werden, ein Ort für Menschen statt für Bücher zu sein. Ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen – wie ein echtes Wohnzimmer. Das beginnt nicht erst bei der räumlichen Gestaltung, sondern wirft ganz alltägliche Fragen auf: “Wer arbeitet in den Bibliotheken? Wer trifft Entscheidungen? Wer gestaltet Veranstaltungen? Wer wählt Bücher aus?”, so Leslie Kuo. Es braucht also nicht immer einen Neubau. Oft genügt es, die Menschen aus dem Kiez, die Communities zu fragen, damit eine Bibliothek die richtigen Angebote, Räume und Unterstützungen anbieten kann. 

 

Wer sich fragt, wie die Bibliotheken der Zukunft aussehen, findet in Skandinavien (z.B. Dokk 1 im dänischen Aarhus oder Oodi in Helsinki) Inspiration. Hier werden sie schon seit Jahrzehnten als demokratische Einrichtungen, als Orte der Partizipation, Aushandlung und Begegnung für alle gebaut und geplant. Urban Hub wirft einen Blick auf die neue Generation von Stadtbüchereien weltweit.