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21.08.2017

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Jens Baumanns

Demokratie vs. Egokratie

Die Generation Instagram hat gelernt, sich im digitalen Rampenlicht beneidenswert darzustellen. Aber kann sie auch Wir statt Ich? Ein Kommentar von Jens Baumanns (24 Jahre)

@all: #instadaily #shopping #meine #neuen #nike #mittagessen #bier #strand #1Life #NSA #AlessioGehtsGut #GönnDir #Wir

Zugegeben etwas viel Content als Einleitung. Sorry dafür, aber als „Generation Y“-Mensch kann ich mich nicht entscheiden, wie ich meinen Kommentar anfange. Meinen Kommentar. Meine Story. Meinen Monolog. Alles meins!

Post um Post, Tweet um Tweet, Selfie um Selfie … wenn wir wollen, stehen wir als Darstellerinnen und Darsteller unserer Selbst 24 Stunden am Tag im digitalen Rampenlicht.

Was Neues ohne den üblichen Blödsinn ...

Was mich aber eigentlich interessiert: können wir als Digital Natives, als Generation Instagram, als Generation Me auch mal was mit Wir? Können wir mehr als Ich-fixiert sein? Gemeinsame Sache machen zum Beispiel? Dialog statt Monolog? Können wir echte Beziehungen eingehen? Ganz analog meine ich. Ich rede nicht von „Gefällt mir“-Angaben, sondern von richtigen Gesprächen, ernst gemeinten Meinungen und äh komisches Wort: Gruppenwirksamkeit!

Ich muss zugeben, mir fällt es auch schwer. Wie viel bekommen wir noch mit, vertieft auf unsere Displays starrend? Es geht nur noch um Mein Ich, Dein Ich. Dein Kaffee. Mein Mittagessen. Dein Facebook-Status. Ich war heute bei Starbucks. Interessiert Dich gar nicht. Ich teil’s aber trotzdem. Und der Zug ist verspätet. Danke, Deutsche Bahn! In 140 Zeichen habe ich‘s rausgehauen. Dann dämmerte es mir, dass da vielleicht wer vor den Zug gesprungen ist.

Manchmal deprimiert mich das alles. Kommen wir überhaupt noch zusammen, in der Egokratie?

2017 hab ich einen Anfang gemacht und mich DEMO angeschlossen. DEMO ist der Versuch von Digital Natives, was Politisches zu machen. Nachdenken. Diskutieren. Treffen. Raus aus den Echokammern. Ohne Partei-Mief. Was Neues.

Anfangs war auch DEMO nur ein Facebook-Ding, aber ein gutes. Eine kleine Gruppe, in der wir Tagespolitik diskutieren, und Grundsätzliches. Ohne Hass und den üblichen Blödsinn. Dann traf ich andere DEMO-Aktive in echt, in Aachen und Köln.

In Essen durfte ich gleich sprechen, über DEMO, bei einem Bildungsfestival für Jugendliche. Das Coolste daran: ich war dort nicht allein, sondern mit anderen, die an den gleichen Punkt gekommen waren wie ich. Die Leute, von denen Du immer ahnst und hoffst, dass sie auch da draußen sind, die Du aber einfach nie kennenlernst, wenn Du Dich nicht auf die Suche machst, wenn Du das Schicksal nicht herausforderst. DEMO war die Initialzündung, die ich brauchte, um endlich Teil eines Teams zu werden.

Die Angst, uns zu verpassen

Im Netz ist es meistens Werbung, die uns verspricht, Teil eines coolen ‚Wir‘ zu werden. Dann tanzen wir alle mit unserem Markenbier am Strand. Und ich will auch mit euch am Strand tanzen. Aber nicht wegen dem Markenbier. Wie wäre es, wenn uns dort was Anderes hinzieht und verbindet, unsere Gespräche zum Beispiel. Darüber, was uns wirklich wichtig ist, wie die Welt zu ändern wäre. Zusammen.

Werbemenschen wollen uns ständig die „Fear of missing out“ (FoMo) eintrichtern, die Angst, bei einem Produkt-Trend nicht rechtzeitig dabei zu sein. Oh nein, Du verpasst krass was, während die anderen eine gute Zeit haben, weil die anderen das oder das trinken, diese Sneakers tragen und so weiter. Werbung kann die geilsten Bilder von 'Jung sein' produzieren, und dann geht es doch nur um einen Softdrink. Und inzwischen äffen wir das privat nach, indem wir unser Leben digital so inszenieren, dass es unglaublich gut aussieht. Wer nicht Ich ist, soll das Gefühl bekommen, sehr viel zu verpassen. Super Urlaube. So viele Freunde. Fun Fun Fun.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto stärker spüre ich eine andere Art von FoMo. Ich will meine Generation und unsere Zeit nicht verpassen. Ich will nicht verpassen, wie wir ehrlich miteinander sind und poetisch, und zusammen einen Unterschied machen, weil wir auch einfach anders sind als unsere Eltern.
 
Das eine führt schnell zum anderen, wenn wir erstmal anfangen. Es fühlte sich zum Beispiel so gut an, mit Pulse of Europe zusammen was zu erreichen, zu sehen, wie unsere Demos dank Masse die Debatte verändern. Mein kurzes, aber intensiv-prägendes Mitwirken bei Pulse of Europe Aachen führte mich außerdem zum europäischen Studierendenforum (AEGEE), wo wir gemeinsam (!) Europa diskutieren. Auch DEMO führt mich zu immer neuen Bekanntschaften und Gruppen-Aktionen oder dazu, dass mich die Offene Gesellschaft einlädt, hier diesen Text zu schreiben :)

Eine einfache Frage an alle

Ich fand viele Gleichgesinnte, die eine Veränderung wollen, Digital Natives, die meinen, dass es so nicht weitergehen kann, die keinen Bock mehr haben auf unsere deprimierenden Ego-Blasen.

Zugegeben, DEMO und auch so manch andere Organisation scheinen chaotisch. Sie entstehen, sie entwickeln sich, sie scheitern, sie leben neu auf oder gehen woanders weiter. Was sie aber in Gang setzen sind Beziehungen, Gelegenheiten, Aktionen, Gemeinschaft. Das ist sehr viel.

Und inzwischen weiß ich auch, was ich mit diesem Kommentar sagen will: Nehmt euch etwas Zeit und beantwortet eine einfache Frage. In welcher Art von Gesellschaft will ich lieber leben Egokratie oder Demokratie?

Zum Autor:

Jens Baumanns (24 Jahre) ist Student aus Aachen und unter anderem aktiv bei der Jugendbewegung DEMO in Nordrhein-Westfalen. An dieser Stelle bereits erschienen ist Baumanns Text "Werden wir laut! Ein Aufruf an die Generation Europa".

Titelfoto: Adrian Sava, Unsplash (CC0)

Alexander Wragge, 23.10.17
So cool!
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