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14.12.2017

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Van Bo Le-Mentzel

Die 100-Euro Wohnung: Eine offene Gesellschaft braucht offene Grundrisse

Architekt Van Bo Le-Mentzel denkt Wohnen in der Stadt neu und hat mit seinem Projekt “Tiny Houses” eine Möglichkeit geschaffen, um Wohnraum bezahlbar, gerechter und sozialer im Sinne eines offenen Zusammenlebens zu gestalten.

100 Euro Monatsmiete. Ja, das meine ich ernst. Mitten in der Stadt. Ist das möglich? Ein Flaschensammler kommt im Monat auf 500 Euro. Ein Bettler auf 300 Euro. Obdachlosigkeit wäre abgeschafft. Immobilienentwickler rechnen mir vor: Bei einem Neubau müssten mindestens 10 Euro pro Quadratmeter kassiert werden, damit der Investor auf seine Kosten kommt. Nettokalt. Nehmen wir, an es gäbe Wohnungen, die nur 6 qm groß sind, dann dürften die doch nur 60 Euro Miete kosten, oder? Mit Strom und Heizung dürften es nicht mehr als 100 Euro warm sein. Doch geht das? Eine Wohnung auf 6 qm? Der Lastenaufzug von Ikea ist größer.

Eine offene Gesellschaft ist eine, die im Herzen der Stadt alle Menschen einlädt.

Van Bo Le-Mentzel, Gründer der Tinyhouse University

Ja, es geht. Ich habe mit der Hilfswerk-Siedlung GmbH eine Wohnung entwickelt, die zwei Meter breit ist und drei Meter zwanzig lang: 6,4 Quadratmeter. Hier ist sogar ein Badezimmer inbegriffen und eine Küchenzeile. Es gibt auch Platz für ein Büro. Die Deckenhöhe von 360 cm macht es möglich. Das Schlafzimmer ist auf der Decke des Badezimmers. In einer Testwohnung, die ein Jahr lang im Garten des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung in Berlin stand, haben schon über 20 Personen probegewohnt. Ungewohnt. Aber wohnlich. Klar geht das. Und das Besondere: Es können beliebig viele Wohneinheiten miteinander kombiniert werden. Es gibt also keinen Zwang, klein zu leben. Die meisten werden vermutlich drei oder vier Wohnungen mieten, was immer noch bezahlbar ist. Es wird viel gesprochen über bezahlbare Mieten, doch am Ende produzieren Politik und Immobilienbranche Mietwohnungen, die teurer als 650 Euro sind.

Eine offene Gesellschaft ist eine, die im Herzen der Stadt alle Menschen einlädt. Auch die, die sich nicht  650 Euro Miete leisten können. Alles andere ist Humbug. Oder Manhattan, wo Frauen und Männer einen Blowjob anbieten, um ein WG-Zimmer zu bekommen. Ich sehe ein, dass einem Mensch, der nicht viel Miete bezahlen kann (oder will), keine Penthouse Wohnung zusteht. Aber zumindest muss er die Chance haben, in der Stadt zu existieren, ohne sich in Sozialbauten outen zu müssen.

Noch ein Fehler: Architekturbüros designen am liebsten Räume mit abgestimmten Möbeln. Doch die Menschen brauchen keine möblierten Räume, sondern Möglichkeitsräume. Offene Grundrisse, die alles sein könnten: Studierzimmer, Ruhepol, Spielplatz, Gebetsraum, sozialer Treffpunkt. Oder einfach nur ein leerer Raum, in dem der eigene Lebensentwurf sich nicht in einer Wohnung nach Immobilienlogik erschließen muss, sondern so ist, wie die Zukunft: offen.

Zum Autor:

Van Bo Le-Mentzel ist Gründer der Tinyhouse University und Freund der offenen Gesellschaft. Beim NEUKÖLLN OPEN Festival sprach er am 10. September 2017 zu den Themen Heimat und Zuhause.

Titelbild: (c) Tinyhouse University

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