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08.02.2018

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Mascha Roth

Treffen, Essen, Welt verbessern - der Tag der offenen Gesellschaft

Am 17. Juni 2017 folgten 20.000 Menschen unserem Aufruf, einfach mal Tische und Stühle rauszustellen, Nachbarn, Fremde und Freunde einzuladen und die Demokratie zu feiern. Daraus soll eine neue, gute Tradition werden. Markieren Sie sich jetzt schon den 16. Juni 2018 im Kalender!

Die große Mehrheit in unserem Land lebt gerne in einer offenen Gesellschaft. Doch wie lässt sich das deutlich machen in einer Zeit, in der autoritäre Sehnsüchte und Ausgrenzungswünsche immer mehr die Debatte zu dominieren drohen? So entstand Anfang 2017 die Idee: Lasst uns diese hart erkämpfte Demokratie einfach mal feiern. Nicht in Form eines ‚von oben‘ durchorganisierten Volksfestes, sondern mit einem Fest, dass die Bürgerinnen und Bürger vor Ort selbst in die Hand nehmen und ausrichten.

Hirschhausen
Auch Eckart von Hirschhausen ruft zum ersten Tag der offenen Gesellschaft auf - hier geht's zum Video.

Und so starten wir im Frühjahr 2017 gemeinsam mit vielen Freunden und Unterstützern sowie der Diakonie Deutschland als Partner unseren Aufruf für den ersten Tag der offenen Gesellschaft. Am 17. Juni soll es überall im Land heißen: Tische raus, Stühle raus, Freunde, Fremde und Nachbarn einladen, und ein großes Zeichen „Dafür“  setzen: für das Engagement der Bürgergesellschaft, für gelebte Offenheit, Gastfreundschaft, Großzügigkeit, Vielfalt und Freiheit. Die Idee: Kochen und essen wir zusammen, lernen wir uns kennen und diskutieren, was uns in dieser Gesellschaft wichtig ist!

Essen
Essen verbindet. Foto: Lorenz Ludwig

Ärmel hochkrempeln für den großen Tag

Was mit einer kühnen Idee Anfang 2017 beginnt, nimmt schnell Fahrt auf. Schon bald unterstützen hunderte engagierte Bürgerinnen und Bürger, Gruppen und Vereine den ersten Tag der offenen Gesellschaft. Sie melden bei uns eigene Tafeln an, sie laden Gäste ein, sie wirbeln in der Nachbarschaft, sie planen das Programm für den Abend und hängen Plakate auf. Als Team der Initiative schauen wir gebannt auf den Zähler der geplanten Tafeln: 100, 200, 300 …

Karte

Einige von uns touren mit Pop-up-Tafeln durch's Land, um den neuen Festtag bekannt zu machen. Andere verbringen Stunden über Stunden am Telefon, um mit den unterschiedlichsten Partnern Tafeln und Feste auf die Beine zu stellen. Tausende von E-Mails werden geschrieben, neue Freunde im In- und Ausland gewonnen, Aktionspakete gepackt und versandt. Dank der Drogeriemarktkette „dm“ gibt es kostenlose Tischdecken und Notizzettel für alle Tafeln. Die Bahnhofsmissionen verteilen in mehr als 50 Städten unsere Materialien. Im Netz erreicht unser Video hunderttausende Menschen, in dem unter anderem der bekannte Moderator und Autor Eckart von Hirschhausen dazu aufruft, mitzufeiern.

Kurz vor dem 17. Juni steht der Zähler auf 458 Tafeln.

Es geht los!

Am Samstag, den 17. Juni 2017 ist es dann tatsächlich so weit. Von Flensburg bis Konstanz und von Aachen bis Dresden feiern rund 20.000 Menschen an hunderten Tafeln den ersten Tag der offenen Gesellschaft. Selbst in Finnland, Österreich und Portugal haben Menschen von der Idee gehört und machen mit. Es ist ein Tag, an dem viele Menschen zum ersten Mal zusammenkommen, auch solche, die im Alltag kaum Berührungspunkte haben. Es ist ein Tag zwischen „Welches Land wollen wir sein?“ und „Willst du noch ein Stück Kuchen?“, an dem Offenheit gleichzeitig gelebt und demonstriert wird.

Melone
Melone mit Bedeutung.

"Raus! Raus! Raus!"

Im Netz dokumentieren wir live, was bei den Tafeln passiert. „Viele Offline-Gespräche, keine Zeit zum Twittern. Angeregte Diskussionen, durchaus auch kontrovers. Geht richtig gut!“, schreibt uns ein Tafelgastgeber aus Frankfurt am Main. „Setzt euch dazu“, malt eine Gastgeberin in Berlin-Moabit mit Kreide auf den Bordstein, und in Augsburg gibt es bereits einen Spruch des Tages: „Ich wusste gar nicht, dass ich so nette Nachbarn habe.“

Von durchaus hitzigen Debatten berichtet Franziska Maleki aus Aachen. Auf eines kann sich ihr Tisch allerdings einigen: „Wir lieben die Freiheit und die Demokratie!“ Andernorts traut sich eine Rentnerin ganz allein zur Tafel und trifft auf eine überraschend aufgeschlossene Runde: „Vier verschiedene Generationen und international!“

Als es Nacht wird, kann ein Tafelgastgeber vor Aufbruchsstimmung kaum einschlafen. „Am liebsten bis zur Bundestagswahl: jeden Samstag raus, raus, raus!“, schreibt er uns.

Fl
Rund 400 Menschen feiern mit uns auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Foto: Initiative Offene Gesellschaft

Grundeinkommen und Nudelsalat

Auch in Leipzig wird an vielen Orten gefeiert, zum Beispiel auf dem großen Platz vor der Peterskirche. Tafelgastgeberin Amanda Kraus berichtet:

"Unsere Tafel war wundervoll, dank der Hilfe des Pfarrerpaars, Nachbarn, Freunden und ihrer guten Laune. Es war aufregend, da wir keine Ahnung hatten, wie viele Menschen den Weg zu uns finden würden. Gegen 17 Uhr kamen langsam noch mehr Nachbarn, Freunde und ein paar Politiker, die sich gut gestimmt unserer Tafel und den Gesprächen anschlossen.

Zwischen syrischem Gebäck und italienischem Nudelsalat redeten wir über das Grundeinkommen und seine Umsetzung, die Bundestagswahl und ihre Inhalte, die Flucht nach Europa und darüber, welches Land wir eigentlich sein wollen. Und dann gab es diesen wunderbaren Moment, als die syrischen Kinder aus der Nachbarschaft die Kontrolle über die Musikanlage übernahmen und wir plötzlich alle anfingen, gemeinsam und glücklich zu den Charts von heute zu tanzen.“

Düsseldorf
Tafel der Diakonie in Düsseldorf. Foto: Diakonie Düsseldorf

Die Letzten gingen erst am nächsten Morgen 

Ingrid Müller aus der kleinen Gemeinde Weissach im Tal (Baden-Württemberg) schildert, was bei ihrer Tafel passierte:

„Mein Mann hat im Internet vom Tag der offenen Gesellschaft gelesen und fand die Idee sofort super. Ich nicht wirklich, denn der 17. Juni 2017 war zwei Tage vor unserem Urlaub… Bis zum 16. Juni hatte sich nur eine Person gemeldet und ich wollte das Treffen wieder absagen. Doch am Tag selbst kamen dann doch noch sechs Zusagen, also öffneten wir unser Haus.

Wir, mein Mann und ich, waren total begeistert, was für unterschiedliche Menschen am Ende an unserer Tafel zusammentrafen. Die Letzten gingen erst am nächsten Morgen und schon dann war klar, dass wir das wiederholen. Mittlerweile haben wir schon zu zwei weiteren „offenen Tafeln“ eingeladen und sind selbstverständlich auch 2018 wieder dabei. Einfach eine tolle Idee. Essen und Reden verbindet und bringt Menschen zusammen!“'

Picknick
Picknick von DEMO - Bewegung für Demokratie in Jena. Foto: DEMO

Seien sie dabei, am Tag der offenen Gesellschaft 2018!

Mit dem allerersten Tag der offenen Gesellschaft wurde in ganz Deutschland ein großes Zeichen für eine starke, bunte, entwicklungsfähige, offene Gesellschaft gesetzt. Bis heute wirken sie nach, die vielen neuen Bekanntschaften an hunderten Tafeln im ganzen Land. Daraus soll eine gute neue Tradition werden, ein neuer Feiertag. Nicht nur hierzulande, sondern auch darüber hinaus!

Damit möglichst viele Menschen mitmachen können, wird der Tag der offenen Gesellschaft auch künftig immer an einem Samstag gefeiert – und zwar jeweils am dritten Samstag im Juni. Das heißt: Markieren wir uns schon jetzt den 16. Juni 2018 im Kalender!

Ein Picknick im Park? Ein gemeinsames Grillen im Hof? Planen Sie Ihre eigene Tafel – als Einzelperson oder gerne auch mit Freundinnen und Freunden, mit dem Sportverein, mit der Chorgruppe oder dem Kollegenkreis. Setzen Sie mit tausenden Menschen bundesweit ein Zeichen für ein offenes und herzliches Miteinander. Hier geht's zur Tafel-Anmeldung 2018.

Video
Unser Video zum ersten Tag der offenen Gesellschaft sehen Sie hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Autorin:

Mascha Roth ist Koordinatorin für den Tag der offenen Gesellschaft. Kontakt: mascha.roth@die-offene-gesellschaft.de.

Titelfoto: Unsere Probetafel für den ersten Tag der offenen Gesellschaft 2017.

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