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21.09.2017

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Andre Wilkens

Wählt die offene Gesellschaft!

Besser jetzt hyperaktiv werden als später depressiv. Vor der Bundestagswahl ruft unser Mitbegründer Andre Wilkens auf, die Familie, Kollegen und Bekannte zu mobilisieren.

Die Straßen sind verhangen von bunten Politpop-Postern. Große Parteien fahren eher die ruhige Linie, die kleinen kommen mit viel Farbe und knalligen Sprüchen. Je doller die Sprüche, umso weiter oben hängen die Plakate.

In ein paar Tagen gibt es Wahlen in Deutschland. Anfang des Jahres wurden diese zu Schicksalswahlen erklärt. Das war nach dem Brexit, nach der Wahl eines Verrückten zum US-Präsidenten und am Anfang des Marsches der AfD durch die deutschen Regionalparlamente. Die Stimmung war so schlecht, dass man sich schon auf eine französische Präsidentin Le Pen einrichtete, die Europa zerkloppen wollte, und auf einen ebenso Wilden in Holland.

Dann kam gefühlte Entwarnung: In Österreich besiegte ein Altgrüner einen rechten Radikalen in den Präsidentschaftswahlen, aber ganz knapp. In Frankreich gewann ein unverschämt europäischer Emmanuel Macron die französische Präsidentschaft und dann auch noch die Parlamentsmehrheit. Der islamfeindliche Wilders hat in Holland keine Mehrheit gewonnen, obwohl die andere Parteien bisher auch keine Koalition bilden konnten  keine Regierung ist aber besser als eine wilde. Die europäische Wirtschaft zog an, sogar in Griechenland. Die britische und amerikanische Wirtschaft dagegen stagniert. Der Brexit verhaspelt sich, Trump dominiert zwar Einschaltquoten und Twitterfeeds, aber ansonsten kriegt er als Präsident nichts hin. Nordkorea spielt gallisches Dorf, nur in der Gruselvariante.

Zum Telefon greifen...

Und in Deutschland? Die Gewinnerin der Wahlen steht schon lange fest. Es geht nur noch darum, wer mit der neuen Kanzlerin zusammen regieren darf. Aber wer will das schon? Die Liberalen sind nach ihrer Koalition mit Merkel aus dem Bundestag geflogen. Die SPD ist nach ihrer letzten Liaison mit Merkel nur noch halb so stark wie die CDU. Und die AfD schien sich nach ihrem anfänglichen Höhenflug selbst zu zerlegen. Die Wahl schien gelaufen, der Wahlkampf war demgemäß langweilig. Dann setzte die AfD zu einem unerwarteten Endspurt an. Werden die Rechten nun sogar aus dem Stand drittstärkste Partei im neuen Bundestag? An der Schwelle zur Volkspartei? Mit eigener Fraktion, vielen Parlamentsbüros, einem Heer von Mitarbeitern, Oberklasse-Dienstwagen, BahnCard 100 und der Kostenerstattung eines Wahlkampfs mit den rechtsradikalen Sprüchen. Sogar eine eigene Stiftung könnten wir Steuerzahler der AfD finanzieren, damit sie für ihre Ziele in der Bevölkerung werben kann. Auf der Basis der letzten Umfragen könnte die AfD allein dafür zwischen 50 und 70 Millionen Euro im Jahr bekommen. Mit unseren Steuern finanzieren wir dann rechte „Bildungsarbeit“ in Deutschland. Muss man nach der Wahl vielleicht Steuerflüchtling werden?

Die Wahl ist am Sonntag. Viel ist noch möglich. Jeder kann noch Menschen in seinem Umfeld für die Wahl mobilisieren. Anrufen bei Oma Gertrud, Opa Mustafa, Cousine Sophie. Reden mit der Kollegin aus der Buchhaltung, dem Skatbruder, der netten Frau im Blumenladen, den Jungs im Verein…Wir haben noch drei ganze Tage. Wählen wir Parteien, die für eine offene Gesellschaft stehen, Da gibt es ja eine Riesenauswahl, von „Wir schaffen das“, über „Sozial gerecht“ und „So muss Wirtschaft“ bis „Klimaschutz first“ und „Kampf dem Kapital“.  Das Spektrum der offenen Gesellschaft ist enorm breit. Mitbürger „entsorgen“ wollen, die NS-Geschichte verdrehen, wieder Grenzen ziehen, aufs Klima scheißen  das gehört nicht dazu.

Also Leute, noch mal ran. Macht Wahlkampf für eine offene Gesellschaft. Besser jetzt hyperaktiv werden als am Sonntagabend depressiv.

Zum Autor: Andre Wilkens ist Autor und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft. Er beschäftigt sich mit Europa und unserem wunderbar verrückten digitalen Leben, hat für die EU, die UNO, für internationale und deutsche Stiftungen gearbeitet. Wilkens lebt mit seiner deutsch-britischen Familie in Berlin.

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