Essay
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10.01.2017

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Quelle: André Wilkens

Wir sind keine Statisten

Brexit, Trump … vielleicht wird 2016 im Rückblick einmal als Wendejahr gelten. Die gute Nachricht: wir entscheiden mit, was im Geschichtsbuch steht. Ein Essay von unserem Mitbegründer Andre Wilkens.

Was für ein Jahr wird 2016 gewesen sein, wenn man in fünf oder zwanzig oder gar in hundert Jahren zurückblickt. Ein Jahr zum Vergessen oder zum Erinnern? Ein Jahr, in dem Entwicklungen ihren Anfang oder ihr Ende fanden? Ein Ausrutscher der Geschichte oder ein Wendejahr? Auf jeden Fall ein interessantes. In mancher Hinsicht ein phantastisches. Es war voll, das Jahr, mit Gutem und Schlechtem, Ungewöhnlichem, scheinbar Unmöglichem, Ungeheuerlichem und ganz viel zwischendurch.

Fangen wir mit dem Zwischendurch an. Es macht ja den größten Teil unseres Lebens aus. Menschen sind auch im letzten Jahr zur Arbeit gegangen, haben um Beförderungen gekämpft, alte Jobs verloren, neue Jobs gefunden, Rentenpläne gemacht und erlebt. Sie sind in den Urlaub gefahren, an die Ostsee, nach Thailand, nach Amerika oder auf den Balkon. Kinder sind zur Schule gegangen, haben dafür Zeugnisse bekommen, heimlich am Edeka um die Ecke geraucht, viele Stunden mit WhatsApp verbracht, manchmal auch mit dem anderen Geschlecht. Menschen haben Kaffee getrunken, Bier und Wasser, manchmal einen Schinkenhäger zwischendurch. Sie haben Fußball geguckt, immer weniger Talkshows, dafür aber eine neue Fernsehserie nach der anderen. Sie haben Ostereier gesucht und Weihnachtsbäume geschmückt. Sie sind Freunde geworden, geblieben und haben sich aus den Augen verloren. Alle Welt ist Facebook-Freund. Menschen haben sich gestritten und wieder vertragen. Sie haben sich die Wahrheit gesagt, belogen und betrogen. Allerhand haben geheiratet, manche sich geschieden. Sie haben Kinder bekommen, in Deutschland sogar wieder ein paar mehr als üblich. Menschen haben sich um andere gesorgt, um die Alten, um die Kranken, um Flüchtlinge und die Obdachlosen. Manche Menschen haben sich gesorgt, dass wir unser gewohntes Leben so nicht mehr schaffen können. Vielen Menschen ist gar kein Unterschied aufgefallen. All das auf weltweit hohem Niveau, worum der größte Teil der Welt die Deutschen sehr beneidet. Denn Deutschland ist laut allen möglichen Studien das beste Land der Welt mit einer hohen Lebensqualität, guter Arbeit, viel Urlaub und einer flotten Fußballmannschaft.

Shakespeare-Drama, Cyber-Armeen …

Auch für mich war 2016 ein interessantes Jahr. Ich bin kreuz und quer durch Deutschland gereist, habe blühende Landschaften gesehen und verblühte. Ich war in England und in Belgien, in Italien und in Holland, in Ungarn und in Österreich. Europa ist schön, Freunde! Der Brexit hat uns als deutsch-britische Familie ziemlich beschäftigt, nicht nur als Zeitungsleser, sondern ganz praktisch. Nicht nur, ob wir in Zukunft als Familie in Europa in verschiedenen Schlangen anstehen müssen. Mein Sohn ist Studieren gegangen, jetzt haben wir ein Gästezimmer. Ich habe längst vergessene Bücher wiederentdeckt und mich durch Karl Ove Knausgård gekämpft. Mit Frau und Freunden war ich tanzen in Clärchens Ballhaus und Abschalten im Brandenburgischen. Tante Lieselotte ist friedlich verstorben und hat dadurch die Familie zum Geschichtenerzählen und zu Thüringer Klößen zusammengebracht. Ich habe ein antizyklisch optimistisches Buch zu Europa geschrieben, meinem Analog-Buch ein Taschenbuch-Update verpasst und einen Sammelband von Weltverbesserungsessays herausgegeben. Ich habe ein politisches Start-Up mitgegründet. Vielleicht wird eine Bewegung draus. Interessante Zeiten.

Und sonst? Mit einem Shakespeare-Drama von Intrigen, Lügen, Hinterlist und Mord hat sich England aus Europa verabschiedet. In Amerika regiert bald ein egomaner Bauunternehmer mit einer Familie aus dem Modellbaukasten und sonstigen gespenstigen Freunden. Der neue Chefstratege im Weißen Haus war bislang Herausgeber und Produzent von Verschwörungstheorien. Russlands Zar Putin hat sich vom ölverschmierten Störenfried zum bewunderten Anführer der weltweiten Autokratie gemausert. Wem das nicht passt, den versucht er mit seiner Cyber-Armee aus dem Amt zu hacken. Siebzig Jahre nach dem Ende der Nazizeit ist Deutschland der Leuchtturm des liberalen Westens und seine Kanzlerin die mächtigste Frau der Welt. Island ist mit viel Huh-Huh-Huh gefühlter Fußball-Europameister und eine alpine Limonade mit Außenstelle in Leipzig wird absehbar deutscher Fußballmeister, oder zumindest Vize. Bob Dylans Lieder sind „Nobel“-Literatur, David Bowie wird bald heiliggesprochen und der Papst ist Weltrevolutionär.

Lügen heißen seit 2016 nicht mehr Lügen, sondern Postfaktisches. George Orwell lässt grüßen. Wer Postfaktisches weiter Lügen nennt, outet sich als liberaler Kosmopolit, also irgendwie von Gestern. Es ist schon ironisch, dass gerade das Digitale, die faktische Welt der Zahlen und Daten, den rasanten Aufstieg des Postfaktischen so wunderbar ermöglicht hat. Denn das Digitale verbannt Menschen in ihre eigenen Filterblasen. Inhalte, egal ob real oder irreal werden vom Digitalen passend nach dem Algorithmus – Wer das glaubt, sollte auch das glauben. Wer sich das wünscht, sollte sich auch das wünschen – zusammengestellt. Phantastisch. Wunschdenken ersetzt die reale Welt, man muss nur hart genug daran glauben. In der analogen Welt kann man allerdings nicht allein nach dem Wünsch-Dir-Was-Prinzip leben. Leider oder zum Glück.

Wir können was tun

2016 wird das Jahr davor gewesen sein. Das Jahr vor 2017. Hier wird sich entscheiden, wie wir auf 2016 zurückblicken. Welcher Brexit wird es sein? Ein Brexit, der Europa und Britannien radikalisiert oder eine Scheidung unter Erwachsenen, die trotzdem weiter europäische Freunde bleiben? Ein Amerika, das zur real gefährlichen Trump-Show wird oder ein Amerika, das Trump als tragikomische Anekdote wegsteckt? Ein Europa, das sich von Wahl zu Wahl tot nationalisiert oder ein Europa, das sich auf seine Gründungsidee besinnt, zusammenrückt und zur stabilisierenden Weltmacht wird? Ein Deutschland, das seine Geschichte einholt oder ein Deutschland, das der Welt zeigt, wie man aus seiner Geschichte lernen kann? Eine Welt, die sich den Lügen ergibt, oder eine Welt, die die Lust auf die Wahrheit wieder kultiviert, digital und analog?

2017 wird das Jahr sein, das 2016 seine Bedeutung gibt. Welche Bedeutung, das hängt auch von uns allen ab. Wir sind ja nicht einfach Statisten. Wir können was tun. Wir können uns nicht einschüchtern lassen von religiösen Terroristen und rechten Extremisten, wir können aus unseren Filterblasen ausbrechen, wählen gehen, Lügen weiter Lügen nennen, Bürgerinitiativen gründen, wir können Menschen in Not helfen, unseren Job machen, nicht nur auf Facebook Freunde sein, Kinder zu guten Menschen erziehen, die Wahrheit suchen, Skat spielen und die Welt immer noch ein bisschen besser machen.

Es gibt viel zu tun 2017!

Zum Autor:

Andre Wilkens ist Autor und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft. Er beschäftigt sich mit Europa und unserem wunderbar verrückten digitalen Leben, hat für die EU, die UNO, für internationale und deutsche Stiftungen gearbeitet. Wilkens lebt mit seiner deutsch-britischen Familie in Berlin.

Hinweis: Dieser Text erschien zunächst unter dem Titel “Was für ein Jahr” auf hundertvierzehn.de, dem literarischen Online-Magazin des S.Fischer Verlags.

Titel-Foto:: Anna Dziubinska (CC0)

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