Werden wir laut! Ein Aufruf an die Generation Europa

Unsere demokratischen Grundwerte sind in Gefahr. Wir sehen es in den USA, im französischen Wahlkampf, in der Türkei-Debatte, doch was tun wir als junge Generation? Von Jens Baumanns

Europas Jugend sieht vieles als Selbstverständlichkeit an und vergisst, dass Frieden, Wohlstand, Sicherheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind. Viele von uns sind wie gefangen im goldenen Käfig. Wir sind eine Generation Europa, die es nie gelernt hat auf die Straßen zu gehen und zu demonstrieren. Es gab ja auch nie einen wirklichen Grund, dies zu tun: Kein Weltkrieg, keine Hungersnöte oder sonstigen Ereignisse, die unser wohlbehütetes Leben in der demokratischen Selbstverständlichkeit des Wohlstands und des Friedens je beeinträchtigt oder geschmälert hätten.

 

Wir gehören von Geburt an zu einem der elitärsten Clubs der Welt, der Europäischen Union. Einem Bund aus – sind wir mal ehrlich – steinreichen Nationen, die im Vergleich zum Rest der Welt keinen lebensbedrohlichen Mangel mehr kennen: Starke Volkswirtschaften, reiche Industrienationen mit hohem Lebensstandard, Bildung, Gesundheit, Internet und Smartphones, Reisefreiheit, Erasmus, freie Meinungsäußerung; und zu guter Letzt haben die allermeisten von uns eine wohlbehütete Kindheit in Frieden genießen können, die uns diese trügerische Selbstverständlichkeit vermittelt hat.

 

Unser Leben ist im Vergleich zum Rest der Welt außerhalb des "Eliteclubs Europa" eine Aneinanderreihung aus nicht endendem Wohlgefühl. Wir kennen es nicht anders: die Wahlen, die Demokratie, der Frieden, die Stabilität, kurzum, Europas Grundwerte. Grundwerte von denen der Rest der Welt nur träumen kann.

Fliegen lernen

Jetzt werden diese Werte angegriffen. Jetzt müssen wir lernen, für sie zu kämpfen, für Demokratie auf die Straße zu gehen, laut zu sein. Wir müssen den Hass der Rechtspopulisten entlarven. Entlarven, dass sie es sind, die unsere Werte bedrohen. Nicht nur in Frankreich und Polen versuchen sie uns Europäerinnen und Europäer gegeneinander auszuspielen, wenn sie meinen, das Heil liege wieder im Nationalismus statt in der europäischen Zusammenarbeit. Sie lassen uns vergessen, dass der nationale Überlegenheitswahn zu den fatalsten Ereignissen unserer Geschichte geführt hat, zu den Weltkriegen. Werden wir nicht durch Untätigkeit schuldig am Tod der europäischen Idee. Sie hat uns aus den dunkelsten Tagen des Kontintents herausgeführt.

 

Die Tür des goldenen Käfigs steht die ganze Zeit offen – das vergessen wir zu oft. Es liegt an uns, das Fliegen zu lernen. Wir haben die Werkzeuge dafür: die Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit, die Demokratie, unseren Ideenreichtum und unseren kritischen Verstand. Lernen wir als Generation Europa, diese Werkzeuge zu schätzen und zu nutzen. Schon jetzt können wir uns zusammentun, bei den wöchentlichen Pulse of Europe Demos in rund 50 Städten, beim europaweiten March for Europe am 25. März. Und wir können uns solidarisieren und vernetzen, mit unseren Generationsgenossinnen und -genossen in Frankreich, Polen, Ungarn und überall in der EU, die auch keine geschlossene Gesellschaft wollen. Lassen wir uns unser Europa nicht wegnehmen. Lasst es uns lieber gestalten.

 

Zum Autor:

 

Jens Baumanns (23 Jahre) ist Berufsschüler aus Aachen und gewann mit einer Rede zur europäische Identität beim 63. Europäischen Wettbewerb den ersten Preis für das Land Nordrhein-Westfalen und einen der ersten Plätze für den Bund. Als Preisträger wurde er ins EU-Parlament nach Straßburg eingeladen, wo er eine Rede von Marine Le Pen hörte, die für einen EU-Austritt Frankreichs wirbt. In diesem Moment beschloss er, sich politisch für Europa zu engagieren. Aktiv ist Baumanns im Orga Team bei Pulse of Europe in Aachen und bei der Jugendbewegung DEMO in Nordrhein-Westfalen.

 

Titelfoto: Ryan McGuire (CC0)