"Wir machen Theater"

Chemnitz ist bekannt für Naziaufmärsche, Tristesse und Abwanderung. Franz Knoppe will die politische Stimmung mit seinem Projekt neue unentd_ckte  narrative verändern. Wie soll das funktionieren?

Franz Knoppe ist Vorstand und Projektleiter des ASA-FF e.V. in Chemnitz. Foto: Darius Ramazani

Die rechtsextreme Szene in Chemnitz gilt als stark. Menschen wie du laufen ständig Gefahr, angegriffen zu werden. Wie fühlt man sich damit?

 

Franz Knoppe: Chemnitz ist seit Jahrzehnten ein Ort, wo Rechtsextreme besonders stark sind. Man weiß halt, was man tut. Und auch die rassistischen Mobilisierungen 2018 waren vor diesem Hintergrund nicht überraschend. Wir hatten bei einem Theatertreffen einen Sprengstoffanschlag –  auch auf andere zivilgesellschaftliche Akteure gibt es immer wieder Anschläge. Doch was mich schon überrascht und besorgt, ist die neue Intensität und Regelmäßigkeit der Angriffe. Die Einschläge kommen näher.

 

Die Solidarität mit Chemnitz war beim „Wir sind mehr“-Konzert 2018 riesig. Wie kann man die Zivilgesellschaft vor Ort nachhaltig stärken?

 

Franz Knoppe: Felix Brummer von Kraftklub hat dort gesagt: „Wir wissen, dass dieses Konzert hier nichts ändert. Aber es ist einfach mal gut, seine Freunde da zu haben.“ Das trifft es absolut. Ich wünsche mir noch, dass die Akteure aus Chemnitz, aber auch aus Ostritz oder Zwickau überregional stärker eingebunden werden: Wenn wir auf Festivals oder auf Veranstaltungen außerhalb Sachsens kommen, können wir uns weiter vernetzen, kennenlernen und gegenseitig stärken. Da nimmt man ganz viel an Energie, Kraft und intellektuellen Diskursen mit. Das funktioniert meiner Meinung nach weniger, wenn Leute von außen kommen, sondern eher, wenn man selbst mal rauskommt.

"Wir nutzen die Mittel des Theaters"

Du hast mit dem Verein ASA-FF und dem Projekt neue unentd_ckte narrative verschiedenste Kunst- und Kulturaktionen gestartet, um politisch etwas zu verändern. Wie soll das gehen?

 

Franz Knoppe: Angefangen haben wir mit politischen Aktionen, wie sie vielleicht auch Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) machen würde. Wir haben zum Beispiel dem sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz für sein mangelnde Aufarbeitung des NSU-Terrors einen Preis verliehen, den Goldenen Hasen. Frei nach dem Motto: „Mein Name ist Hase und ich weiß von nichts.“ Dieses Shaming and Blaming erregt medial kurz Aufmerksamkeit. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese Art Aktivismus zu wenig institutionelle Veränderungsprozesse auslöst. Was wir heute stattdessen machen, nennen wir kreative Diskurstransformation. Hierzu nutzen wir die Mittel des Theaters, das komplexe Inhalte emotional und pointiert übersetzen kann. Wir schaffen eine Schnittstelle zwischen Kultur und der Zivilgesellschaft. Bei den Akteuren entsteht eine Selbstreflektion auf der Ebene der politischen Auseinandersetzung, das motiviert mich. Man könnte auch sagen: das ZPS macht Theater mit politischen Mitteln – wir machen mit Theater politische Bildungsarbeit. Also genau umgekehrt.

 

Und damit erreichst du ein großes Publikum? 

 

Franz Knoppe: Ja, indem wir Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von Stefan Heym, der von den Nazis vertreiben wurde. Heym ist der große Sohn der Stadt –  seinetwegen gehen die Leute ins Theater, nicht, weil da irgendwo „Demokratie“ und „Toleranz“ draufsteht. So erreichen wir ein breites Publikum und vielleicht auch ein paar, die merken: „Aha, der Heym war auch Antifaschist –  und zwar aus Gründen.“

 

Wenn du dir eine Sache für die Demokratie wünschen könnten – was wäre das?

 

Franz Knoppe: Dass wir weg von der abstrakten Sprache kommen und die Funktion der Demokratie wieder klarer wird. Ein Beispiel: Wir hatten ein länderübergreifendes Schulprojekt zwischen Hamburg, Chemnitz und Zwickau. Einer der Schüler aus Hamburg hat gesagt: „Ich bin jetzt seit zehn Jahren hier. Meine Mama kommt aus dem Iran, war dort Journalistin und musste dafür ins Gefängnis. Ich möchte einfach in einer Gesellschaft leben, wo ich meine Meinung frei sagen kann, und deswegen setze ich mich für dieses Projekt ein.“ Der hat so Riesenbegriffe wie Medienfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie einfach mal konkret gemacht, ohne sie überhaupt zu benennen.

 

Interview: Erik Enge

 

Titelbild: Szene beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz 2018. Foto: Peter Van Heesen

 

 

 

Aufstand der Ideen - Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week).