Wir verabschieden uns von Martin Roth

Unser Freund und Mitstreiter Martin Roth ist gestorben. Wir haben diesem klaren, ungeheuer tatkräftigen und politischen Menschen sehr viel zu verdanken. Ein Nachruf von Harald Welzer.

Als wir im Sommer 2016 die „Initiative Offene Gesellschaft“ und mit ihr das Projekt „365 Tage Offene Gesellschaft“ planten, um der Schieflage nach rechts in der politischen Kommunikation entgegenzuwirken, war uns gleich klar, dass Martin Roth dabei sein muss. Schließlich war er in seinem ganzen kulturpolitischen Wirken keinem Konflikt aus dem Weg gegangen und hatte seine Arbeit als Ausstellungsmacher, Kurator, Museumsleiter und Kommunikator immer auch als gesellschaftspolitische Arbeit verstanden. So einen Unbestechlichen mit internationaler Ausstrahlung und klarer Position brauchten wir.

 

Als ich ihn anrief, bestieg er gerade in Kigali ein Flugzeug, und ich hatte nur Zeit für die folgende Mitteilung: „Wir brauchen Dich für eine Initiative zur Offenen Gesellschaft.“ Antwort: „Bin ich dabei. Ich ruf Dich morgen an.“ Als wir am nächsten Tag telefonierten, erzählte er von seinem noch nicht offiziell angekündigten Rückzug von der Leitung des Victoria & Albert-Museums in London, wegen des Brexits. Und von seiner Besorgnis über die politische Entwicklung in Europa und seiner Wut auf den Quietismus der intellektuellen Klasse, die ihrer politischen Verantwortung schon einmal nicht nachgekommen sei, als die Demokratie abgeschafft wurde. Deshalb, sagte er, sei er sofort dabei.

 

Was er dann in vielen öffentlichen Auftritten und in vielen informellen Aktivitäten war, und zwar weit über die schreckliche Diagnose seiner tödlichen Krankheit hinaus. So war er. Klar im Urteil, konfliktbereit, der Verbesserung der Welt zugewandt, spontan, verlässlich und so ungeheuer tatkräftig, dass ihn auch die Krankheit nicht daran hindern konnte, sich weiterhin zu zeigen, zu äußern, sich einzusetzen – für das, was wir die Offene Gesellschaft nennen.

 

Noch letzte Woche haben wir uns lange darüber unterhalten, wie es weitergehen soll mit unserer Initiative, und, ja, wir haben eine Menge Pläne gemacht. Dass er selbst seine Krankheit nicht als Hindernis betrachtete, weiterzumachen, über den Tag hinaus zu denken, das hatte etwas Ansteckendes. Ich war nach unserem Gespräch gut gelaunt und habe gedacht: „Vielleicht schafft er es ja.“ Und: „Wenn es einer schafft, dann er.“ Und tatsächlich: das medizinische Todesurteil war ja schon viel früher datiert; das hat er viele Monate erfolgreich ignoriert. Dass man den Tod nicht auf Dauer besiegen kann, das ist einfach so. Aber man kann sich selbst und allem anderen so lange treu bleiben, wie es eben geht. Darin ist Martin Roth uns ein Vorbild und damit wird er bei uns bleiben. Wir verabschieden uns von ihm, sehr sehr traurig, und machen weiter.

 

Harald Welzer, für die Initiative Offene Gesellschaft

 

Titelfoto: Martin Roth am Tag der Offenen Gesellschaft (17. Juni) im Allianz Forum in Berlin. Foto: Bernhard Ludewig